KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

X. Das einheitlich allgemein menschliche Bildals Symbol des Lebens – „Lebens-Tanz"

sich suchenden Kassiers ist die verdorbene Denkungsart der willenlosen Gesellschaft der Nachkriegszeit zu erkennen. Wer seine Kar­riere in Sinneslust und Diebstal, seinen Charak­ter, in der Leidenschaft der Massen aufgehend, ertötet, ist wahrhaftig Vertreter der todgeweihten Gesellschaftsordnung vergangener Jahrzehnte. Der Roman von Hans Friedrich Blunck : Totentanz 1 ist die Lebensgeschichte eines der­ben, praktisch, real eigestellten, aber edlen Jünglings von erhabener Weltauschauung. In diesem die höchsten Ideale suchenden, mit den materiellen Errungenschaften des Lebens nicht zufriedenen Charakter wird das in seiner Tech­nik, in seiner Literatur, Wissenschaft und Kunst für seine elementarsten Lebensbedingungen kämpfende junge Deutschtum gezeichnet. Kord Gehrken will sich unter dem Einfluss seiner Liebe in Kunststudien vertiefen, aber er kann nicht rest­los idealistisch denken, er sucht in allem den Nutzen, und weil er die Nützlichkeit der Kunst nicht einsehen kann, wird er Techniker. Inzwischen will er die zwiefache Schmach seiner Familie wieder gut machen. In seiner demokratischen Lebensaufassung völlig getäuscht kehrt er wieder zur Kunst zurück. Sein grossartigstes Werk, die Darstellung seiner Geliebten, Trude Berger, wird von dem eifersüchtigen Mädchen selbst vernichtet. Erst der Ausbruch des Weltkriegs kann den seelisch erschütterten Jüngling aus seiner Einsamkeit locken. Im Traum sieht er den Erdball in zwei Teile zerfallen. Auf der sonnigen Hälfte blüht ungestörtes, glückliches Leben, aber auf dem be­schatteten Teil erstehen Plagegeister mit aufgepflanzten Gewehren bewaffnet und überfallen die Bewohner des sonnigen Teiles und vernichten das Leben. Es ist das Symbol des Weltkriegs. Gehrken wird assentiert. Als er aber einrücken und auf den Kriegsschauplatz fahren muss, stirbt Trude Berger an einer heimlich heranschleichenden Krankheit. Im Schützengraben, vor einer Schlacht, spielt der Oberstleutnant ein Stück, das auch Trude Berger so vielmal am Klavier gespielt hat. den „Totentanz" („Ein Soldat") von Woyrsch. Nach dem ersten Gefecht unter den ersten Toten befindet sich auch Kord Gehrken. Er wurde Opfer der letzten Lebensaufgabe, die er sich ge­stellt hat, der Vaterlandsliebe. Der derbe, aber kerngute Jüngling und das kunstsinnige, stille Mädchen sind meister­haft gezeichnete Charaktere des Romans. Mit grosser Fachkenntnis stimmt der Dichter den einen Seelenzustand in einen anderen um. Im ziellos lebenden Gehrken, der in seiner Heimat arbeitsmüde umherschlendert, erwacht durch Trude die Neigung zur Kunst. Am ersten Kon­zert, das er besucht, macht ihm der Totentanz von Woyrsch einen unvergesslichen Eindruck. Am Hamburger Ufer der Elbe spazieren die beiden Liebenden vielmals im härtesten Wet­ter einsam und sprechen über Jenseits, über Kunst- und Weltanschauung. Das pulsende Le­ben ist der Reiz jenes Entschlusses von Gehr­ken. dass er sich seiner Familie opfern, fleissig lernen und Techniker werden will, um seinen alten Vater aus seiner Geldverlegenheit zu hel­fen. Am Münchener Technikum besucht ihn Trude, aber er lässt sich jetzt in seiner zielbe­wussten Arbeit nicht stören und bekämpft sei­ne Sehnsucht nach Liebe und Kunst. Als er aber bemerkt, dass seine Stiefmutter mit dem Arzte, der seinen Vater behandelt, in einem verbotenen 1 1922. Hamburg. Verhältnisse lebt, will er auch diese Schande ver­nichten. Seine Ziele sind immer gross, fast uner­reichbar, die Durchführung ist immer hastig, übertrieben, unbesonnen, übereilt. Er weist dem Arzt die Tür, aber er tritt so derb und hart auf, dass der alte Vater unter der Last seiner schwe­ren Worte zusammenbricht und infolge seiner Aufregung stirbt. Wieviel Zärtlichkeit äussert sich hier in der Darstellung der sich mit Selbst­vorwürfen plagenden, den Vater innigst lieben­den, kindlichen Seele des Jünglings ! Aber von den immer wachsenden Schulden der Familie wird er zu neuer Arbeit angeeifert. Er nimmt in Steenkerken eine Ingenieurstellung an. Hier, in der Nähe des Volkes, lernt er die jammervolle Armut der Arbeiter kennen und vertritt überall ihre dringendsten Interessen. Er muss sich in seinen demofilen Anschauungen täuschen, denn das Volk ist nie zufrieden, wenn es auch noch soviel bekommt, und empört sich gegen seine eigenen Wohltäter, wenn es seine grossmäuli­gen Führer so wollen. So geschah es auch in Steenkerken, wo die aufrührerischen Arbeiter die Fabrik in Brand setzten. Mit unüberwind­lichem Ekel wendet er sich von den Partei­kämpfen wieder zur Kunst. Sein grösstes Werk wird aber von der Hand jenes Weibes zerstört, das er am meisten geliebt hat, von Trude Ber­ger, und er verliert das Gleichgewicht seiner See­le endgültig. Aber er gibt den Kampf gegen sich und um die höchsten Ideale des Lebens noch immer nicht auf, denn diese Ausdauer ist das Wesen seines deutschen Charakters 1 Die Vaterlandsliebe ist sein neues Ziel und vom grossen Totentanz, vom Weltkrieg, wird auch er davongeschleppt. Die „allgemein menschliche Totentanzauf­fassung" hat auf diesen Roman einen grossen Ein­fluss gehabt; sie taucht auf dem Gemälde Gehr­kens auf,... Trude Berger sitzt am Klavier und spielt den Woyrsch'schen Totentanz. Der Gegen­satz des verklärt schönen Mädchen gesichtes und der Totentanzmusik weckt im Zuschauer die Ver­gänglichkeitsgedanken auch ohne jeden Zusatz eines Emblems der alten Totentänze. In diesem Roman spielt sich das wirkli­che Leben ab und den Symbolismus finden wir nur im Traum Gehrkens. Aber gerade deswe­gen kann ihm ein.Platz unter den Werkender symbolisierenden Übergangsdichtungsart ange­wiesen werden, weil das ganze Leben und die Kämpfe Gehrkens zu jenen des gesamten deut­schen Volkes in symbolischer Beziehung stehen. Zwar fehlen dem Roman die traditionellen eve­rymanartigen Todes-Szenen und die germani­schen Toten-Tanz-Motive. Sie werden mit An­spielungen ersetzt, die sich auf die Totentanz­musik und auf die Auffassung des Weltkrieges als eines Totentanzes beziehen. Das letztere Mo­tiv ist ausdrücklich ein germanischer Toten-Tanz. Da die Werke der allgemein menschlichen To­tentanzauffassung mit den alten Traditionen noch weniger in Verbindung stehen, deswegen muss der Roman von Blunck zu den Werken der Übergangsdichtungsart gezählt werden.

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