KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)
X. Das einheitlich allgemein menschliche Bildals Symbol des Lebens – „Lebens-Tanz"
Es bietet uns zwar der Totentanz von Ernst Toller : Die Wandlung 1 keine so rein abgeklärte weltanschauliche Richtung, für die Kenntnis der wahren Beschaffenheit des durch ein einheitliches Bild symbolisierenden Totentanzes ist er aber trotzdem sehr wichtig. Friedrich, der unermüdlich wandernde und die Neugestaltung des verfaulten Gesellschaftslebens immer in neuen Verhältnissen suchende Jüngling, soll das Symbol des deutschen Volkes sein. Er will ein grosser Künstler werden und indem er gegen die materialistischen Anschauungen seines Onkels und seiner Mutter kämpft, vergisst er die Liebe, mit der er als Sohn der Mutter und als Jüngling einer Frau schuldig ist. Bald begeistern ihn die Pflichten eines Patrioten. Er nimmt an den Kämpfen für die Bekehrung der wilden Völker teil und muss enttäuscht erfahren, welches Elend durch einen Krieg über die Länder einbricht. Er bezweifelt, ob das Vaterland das Recht habe, ein so grosses Opfer von den Bürgern zu verlangen (?). Er bildet sich ein, dass es eine noch grössere Idee gäbe, als die eines Patrioten. Dem Internationalismus der Nachkriegszeit entsprechend verkündet er, dass die Vaterlandsliebe von einem noch höheren Ideal unterstützt werden muss. In seiner Verzweiflung zerstört er die Statue, welche er dem siegreichen Vaterland zu Ehren goss und will Selbstmord begehen. Da tritt seine Schwester in sein Arbeitszimmer und löst ihm das grosse Rätsel : der Weg des Lebens führt zu Gott, wenn man den „wahren Menschen" sucht und wenn man die grosse Würde der menschlichen Seele zu schätzen weiss Diesen „internationalen Menschen" sucht Friedrich auf Irrwegen, vor allem in der Sinneslust. Die Lebensfreuden führen zur Sünde ; er tötet die jammernde alte Mutter seiner Konkubine. Er wird eingekerkert. Im Gefängnis ist er schon überzeugt, dass der „wahre Mensch" nicht unter denjenigen zu suchen ist, die sich ausleben, sondern im Kreise jener, die sich kreuzigen. Auch den Heiland haben seiner Ansicht nach nicht die Juden gekreuzigt, sondern er sich selber, weil er es selber wollte. Selbstbeherrschung ist Selbstkreuzigung. Nach seiner Freilassung geht er gelegentlich auf eine Demokraten-Versammlung, wo zuerst ein Lehrer, dann ein Pfarrer und endlich ein demokratischer Arzt zur Menge sprechen. Das Volk will nur die Anschauungen des letzteren billigen Plötzlich tritt aber Friedrich auf das Podium. Er überredet das Volk, ihn vor der Kirche anzuhören, wo er ihnen ihr wahres Ziel verkünden will. Vor der Kirche begegnet er seiner Mutter und seinem Onkel, die ihn noch immer nicht verstehen, ja sogar verachten. Nur seine Schwester will ihm folgen Endlich spricht er zur Volksmenge. Alle Sünden der Gesellschaft stammen aus der Verachtung der mensch1 Das Ringen eines Menschen. Drama. Potsdam. 1924. liehen Würde 1 Die grössten seelischen Krank heiten unserer modernen Kultur können nur durch das Selbstbewusstsein geheilt werden, dass die Geisteskraft der menschlichen Seele alle irdischen Schätze an Wert übertrifft 1 Die wesentlichen Elemente der Dichtungsart dieses weltanschaulich verwirrten Dramas von Toller sind leicht erkennbar. Das Werk ist allgemein symbolisierend, denn Friedrich ist die Personifikation bald „des deutschen Volkes", bald „der Menschheit". Aber auch die Tradition des Everyman-Todestanzes und der germanischen Sage von den tanzenden Toten wird verwertet. Der Tod erscheint als ein Soldat, der den jungen Friedrich zum Kampfe aneifert. Der Tod ist jener Regimentsarzt, der in der Wiederbelebung der Schwerinvaliden durch Maschinen-Hände und Füsse alle seine ärztlichen Künste entfaltet, sowie auch der Richter des Gefängnisses, der durch die immerwährende Wiederholung seiner individuellen Redensart : „Der Tatbestand I Der Tatbestand 1" — unglaublich langweilig werden kann. Das sündhafte Leben am Kriegsschauplatz wird durch den nächtlichen Tanz der Toten Skelett-Soldaten mit dem Skelett eines jungen Mädchens dargestellt, das sie im Leben alle vergewaltigt haben. Das Mädchen ist auch als Skelett geradeso schüchtern, wie es im Leben war ; es will auch jetzt ihre Schamteile mit der Hand bedecken und wird auch jetzt von den Soldaten wegen ihrer Schamhaftigkeit ausgelacht, wie — einst. Es ist ein Motiv der Toten-Sagen. Auch weitere Symbole des Menschenlebens treten in diesem Drama auf. Der Zug, welcher die Soldaten auf den Kriegsschauplatz führt, wird auch hier zum Symbol des schnell dahineilenden Lebens. Das höchste Ziel Friedrichs, das er erringen muss, wird als ein hoher Berg dargestellt, den Friedrich, der tapfere Bergsteiger, erklettert und auf diesem seinem Wege sogar von seinem letzten und besten Freunde verlassen wird. Zwar erscheint in diesem Drama Tollers die Allgemeinheit durch das einheitliche Bild der Lebensgeschichte Friedrichs symbolisiert, so wird die Handlung des Werkes trotzdem noch in die äussere Form der „Einzelbilderreihe" gekleidet. Wie Adam in der „Tragödie des Menschen" von Madách, so tritt auch Friedrich in den charakteristischen Szenen der Gegenwart immer in einem seiner Umgebung entsprechenden Kostüm auf : als Soldat, Invalide. Universitätshörer, Zuchthaus-Gefangener, Achasverus, Demagog, Bergsteiger. Im Drama „Der Tor und der Tod" von Hugo von Hofmannsthal erscheint eine impressionistische Auffassung des Begriffes vom „Menschheitsdrama" 2 mit einer allgemein menschlich deutbaren Handlung und mit einem per2 N. Cserés: Tynen des deutschen impressionistischen Dramas ; Diss. Szeged 1939 ; Germanistische Hefte hg. von Heinrich Schmidt ; Reihe A. Heft 8. 13, 26-27. 39, 62-63.