KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

übergibt sie Adam. Kaum hat Eva den Schmuck anprobiert, wirft sie schon das Pfefferkuchen­herz weg und Luzifer tritt darauf. Plötzlich hört Eva einen Schmerzensschrei . . . Man bringt ei­nen Verurteilten auf dem Armensünderkarren . . . Eva freut sich, dass hier einer gehenkt wird und sie ein so packendes Schauspiel sehen kann. Sie ersucht Adam, mit ihr auf den Platz des Schafotts zu eilen, denn das wäre auch eine gute Gelegenheit, in ihrem neuen Schmuck zu glänzen Luzifer erzählt die traurige Geschichte des armen Verurteilten. Er war Arbeiter in der Fabrik Lovels. Das Einatmen des giftigen Bleis brachte ihn auf einige Wochen in das Spital. Inzwischen verliebte sich der junge Sohn Lo­vels in die Frau des Arbeiters und als dieser genas, war sein Platz schon besetzt. Die Dro­hungen des Arbeiters erwiderte der Sohn Lo­vels mit einem Faustschlag, diesem geriet ein Messer in die Hand — jetzt wird er gehenkt. Der alte Lovel wurde wahnsinnig. — In die­sem Augenblick geht Lovel an Luzifer vorüber und erklärt, er sei leider nicht wahnsinnig, denn er versteht allzugut, wass die Wunde sei­nes Sohnes raunt. Was nützen ihm jetzt seine Schätze ? Alles würde er hingeben, wenn er wirklich wahnsinnig werden könnte. Schrecklich ist die Lehre dieses Bildes für Adam ! Auch diese Gesellschaft ist faul ... da wuchern alle Laster. Leicht ist es am grünen Tische, im be­quemen Armstuhl Gesetze zu schreiben, wer könnte aber so rasch und oberflächlich urteilen, wenn er die Herzen untersuchen wollte, deren geheimste Falten würdigend ? Adam, Luzifer und Eva nähern sich dem Tower und gehen an einer Nische vorbei, in der sich ein Heiligen­bild befindet. Eva will ihren Blumenstrauss zum Heiligenbild stecken und Adam erlaubt ihr das, obwohl dies Luzifer im Interesse Adams ver­bieten will. Aber die Blumen verdorren plötz­lich und vom Halse, von den Armen Evas kol­lern die Schmucksachen in Eidechsen verwan­delt herab. Eva ruft um Hilfe. Es bildet sich ein Volksauflauf, die Zigeunerin kommt mit Wachleuten, da sie von den beiden Fremden falsches Geld bekommen hat, das in ihrer Hand wie Quecksilber verschmolz. Adam pnd Luzi­fer verschwinden plötzlich und erscheinen oben auf der Mauerzinne wieder. Adam hat sich abermals getäuscht. Er wähnte, für einen ge­sunden Wettstreit Raum zu schaffen. Er „warf eine wicht'ge Schraube aus dem Uhrwerk, / Welches die Pietät zusammenhielt. / Ver­säumte aber, sie durch eine andere / Befestigung sorgfältig zu ersetzen. / Was ist das für ein Wettstreit, wo der eine / Bis an die Zähne kriegerisch bewapDnet / Dem nackt Entblössten gegenübersteht? / Welch'eine Unabhängigkeit, wo Scharen / Elend verhungern müssen, wenn sie sich / Ins Joch des einzelnen nicht beugen wollen. / Dies ist ein Kampf von Hunden um den Knochen 1" — Und nun äussert Adam seine neueste Idee, seinen neuesten Wunsch und hört noch immer nicht auf, an eine bessere, glückli­chere Lebensform der Menschheit zu glauben : Adam : „Ich will statt dessen eine Volksge­meinschaft, Die schützt, nicht straft, ermuntert, und nicht [abschreckt, Die mit vereinter Kraft zusammenwirkt, Wie sie der Wissenschaft im Geiste be­twacht. Sie kommt gewiss, ich fühle das, ich weiss [es . . . 0 führ' mich, Luzifer, in diese Welt 1 Und hierauf folgt die schönste Toten-Tanz­Szene der ganzen Weltliteratur. Das Motiv des Kirchhofstanzes der Totensage wird zu einem symbolischen Bilde des gesamten Menschenle­bens. Luzifer gewährt Adam einen Blick in die geheime Werkstatt des Lebens. Der wirre Men­schenhaufen des Londoner Marktes umringt ein mächtiges Grab. Das Menschenleben ist nichts weiter, als das Graben des eigenen Grabes. Je­der Mensch bereitet sich in seinem Leben durch seine Taten, durch seinen Beruf sein eigenes Grab vor. Das ist in der Totenfanzliteratur ein völlig neuer Gedanke, der zur kunstvollen Dar­stellung des menschlichen Lebens besonders geeignet ist. „Die Erde ist ein grosses Grab." Diesen Gedanken hat Madách höchtswahr­scheinlich weder von Lord Morley, noch von Maecenas 1 gelernt Jeder Standesvertreter, der in der Londoner Marktszene auftrat, erscheint noch einmal in der Vision Adams, tanzt um das selbstgegrabene Grab und springt, nachdem er seinen Spruch beendet hat, in das Grab. Im Budapester Nationaltheater wurde diese Szene einst von Hevesi Sándor sehr interessant um­geformt. Das grosse Grab wurde nicht von den Standesvertretern selbst gegraben, sondern von drei Skeletten. Die Standesvertreter wurden von einem schwarz gekleideten Geist wechselweise, einmal von links aus, dann von rechts her auf die Bühne geführt und in das Grab gestürzt. Diese Ausführung aber stimmt nicht ganz mit dem Origi­nalgedanken des Dichters überein. Die Skelette und die „Geister" gehören eigentlich nicht zum Bilde. Die Standesvertreter müssen selbst ihr eigenes Grab tanzend schaufeln und nach dem Spruch ins Grab springen. Die grossartigste Neue­rung dieser Toten-Tanz-Szene ist aber der Sieg Evas, der Sieg der ewigen Weiblichkeit, des Symbols der Geisteswelt, der Kunst, der Liebe, der Sieg der Ideale, der Seele über Tod, Ver­gänglichkeit. Nur die Hülle des für seine Ideale kämpfenden Menschen fällt in das Grab, sein Sieg aber über sein Ende ist sicher. Dieses Mo­tiv fanden wir schon bei Petrarca in der Form des Sieges der Laura und im Werke des ano­nymen Nachahmers der Rethel-Totentänze in der Form des Sieges der Freiheit. Aber die „Sieg­hafte Eva" hat am Ende des grossen Toten-Tan­zes der Menschheit um das eigene Grab, also am Schluss des „Lebens-Tanzes" der Standes­vertreter, eine wunderbare, allgemein menschlich symbolische Rolle erhalten. 1 Vgl Weber-Hollander: Des Todes Bild. Berlin. 1923. S. 203-204.

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