KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

159­Sind aber gleich: ein Skelett. Der Tod hat einen Postwagen, auf dem er den Kutscher macht. Er ladet die Menschen höflich zu einer Lust­fahrt in die Hölle ein. Den Blasbalg der aus Ochsenleder verfertigten Dudelsackpfeife sticht der Tod durch : „Der Geist ist hinaus / Nun ist der Kehraus". So sticht er den menschlichen Körper durch und die Seele muss ihre Hülle ver­lassen. Zum „Kehraus" spielt dann der Tod selber die Musik; er ist ein berühmter Kapellmeister, „der grosse Capell-Meister", der seine Opfer diri­giert (beide Themen s. bei Bierbaum). Der Tod ist aber auch ein guter alter Soldat, er ist General und übernimmt das Kommando des grossen To­tenheeres (s. später bei Bechstein, Falke, Wie­gand, Toller. ; vgl. darüber noch im Anhang 1.). VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzel­bilderreihe" des modernen Totentanzes 1 Der herrlichste Totentanz der modernen Totentanzliteratur ist das Drama „Die Tragödie des Menschen" von Madách Imre. Es ist eines der erstklassigsten Dramen der ungarischen Lite­ratur. 2 Die Totentanzforscher der vergleichenden­Literaturwissenschaft haben sich bisher mit diesem Werk wenig gekümmert, obwohl es auch ins Deutsche übersetzt wurde. Hätte der Dichter dieses grossartige Drama in einer Weltsprache geschrieben, so hätte man es schon längst un­ter den wertvollsten philosophischen Dichtun­gen der Weltliteratur genannt. Es ist zwar nicht zu übersehen, dass, seit­dem „Die Tragödie des Menschen" in der kunst­vollen, wortgetreuen und trotzdem höchst poe­tischen,, mit feiner Bravour nachgedichteten deut­schen Ubersetzung von Jenő Mohácsi 3 auf den grössten Bühnen Deutschlands ihren triumph­vollen Einzug hielt, die Grösse des Werkes schon viel mehr geahnt wird. Als die Übersetzung von Mohácsi erschien, war dieser Abschnitt schon längst fertig, sodass es mir nicht mehr vergönnt war, meine Zitate nach dieser höchst wertvollen Übertragung einzurichten Indem ich also nach der alten Übersetzung von Lechner zitiere, empfehle ich es dem Werten Leser, in der Übersetzung von Mohácsi die entsprechen­den Stellen nachzulesen. Als Totentanz ist das Drama eine histo­rische Einzelbilderreihe. Seine Konstruktion ist so originell und charakteristisch, dass man die Identität seines Grundgedankens mit der Idee einiger Totentänze der modernen Literatur ohne Schwierigkeiten erkennen kann. Da aber das Drama von der „Tragödie der Menschheit" bisher noch nicht zu den „To­tentänzen" gerechnet wurde, bin ich genötigt, die Frage aufzuwerfen : Wie lässt es sich be­weisen, dass „Die Tragödie des Menschen" wirklich ein Totentanz ist ? Wenn wir die Grundideen und den Inhalt des Dramas eingehend untersucht haben, müs­sen wir es zugeben, dass einzelne Motive, Sze­nen auffällig an den Totentanz erinnern. Sind dies originelle Erfindungen des Dichters oder 1 Tab. R I« 3 4- II. ab. 5. 2 Veröffentlicht im Jahre 1861 : Remekírók : Bd. 49. Alexander B. 1904. Budapest. S. 43-177. 8 Imre Madách : Die Tragödie des Menschen. Verl. Georg Vajna, Budapest —Leipzig, 1934. waren sie ihm schon aus einem kurz vorher erschienenen Totentanz bekannt ? Zwei Motive des Dramas werden wir bei Petrarca und Byron auffinden. Zwei Motive in Goethes Faust. Die wichtigsten Grundideen wurden aber vor Ma­dách nur in zwei deutschen Totentänzen be­arbeitet. Ob Madách diese zwei Totentänze wirklich gelesen hat, das Hesse sich nur durch eine persönliche Aussage des Dichters beant­worten, da ich die Titel der zwei deutschen Totentänze im Katalog seiner Bibliothek nicht gefunden habe. Dieses Geheimnis nahm der Dichter mit sich ins Grab. Wenn wir also die Motive des Dramas mit den Motiven der zwei deutschen Totentänze vergleichen, so können wir nur die Ähnlichkeit feststellen, ohne die wirklichen Zusammenhänge mit Sicherheit be­haupten zu können. Wäre es also in diesem Falle möglich, dass die Motive, welche ich als die Parallelerscheinungen jener zwei deutschen Totentänze betrachte, eigene Erfindungen des Dichters der „Tragödie des Menschen" sind ? Ist es denkbar, dass zwei Werke, die vonein­ander unabhängig entstanden sind, in vielen Motiven, in Grundideen, einmal sogar wörtlich miteinander übereinstimmen ? Kann man in der Literaturgeschichte solche Zufälle annehmen ? Die meisten, grossen, philosophischen Wer­ke der Weltliteratur haben Vorbilder, ja so­gar Vorgänger gehabt. Die Faustsage musste jahrhundertelang in der Form eines Volksbuches gelesen, als Volksstück gespielt, erlebt werden, bis sie endlich in Goethes philosophischem Drama zur höchsten Vollendung gelangte. Eine unleugbare Tatsache ist es, dass Goethe nur ein spätes Volksbuch als Quelle benützt hat. Schon als Knabe las er dieses Volksbuch. Auch das Volksspiel in der Form eines Puppenspie­les hat er kennengelernt. Das Volksbuch, das Puppenspiel sind die einzigen Quellen, welche namhaft gemacht werden können Goethes Faust ist eben ein „Lebenswerk" im engsten Sinne. Faust ist Goethe selbst. Faust konnte nicht in Jugendjahren geschrieben werden, zuerst musste das Schicksal Fausts erlebt werden. Deswegen hat auch Goethe das Faustbuch von Johann Soiess (1587), von Widmann, die Tragödie von Christoph Marlowe (\ó'J'2) nicht als Quelle ver­werten können (1818 hat er Marlowe gelesen). Auerbachs Keller musste er persönlich besu-

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