KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

IV. Das Vadomori

dicht, ein Werk mit pädagogisch-praktischen Zwecken. Über das Leben Gottschalks wird aber weiter berichtet, dass er sich durch seine „Leh­ren" in theologisch-theoretische Streitigkeiten verwickelt hatte. Er verkündete einen bloss partikulären Heilswillen Gottes, als er erst in den Jahren 837—838 und dann das zweitemal 845 —848 eine grössere Reise nach Italien unter­nommen hatte, verbreitete er in Schrift und Wort eine merkwürdige Lehre von einer doppel­ten göttlichen Vorherbestimmung, u. zw. zum Tode ebenso, wie zum Leben. Inzwischen ist aber Hrabanus Maurus Erzbischof von Mainz geworden und als solcher bekämpfte er mit grosser Strenge die „Irrlehren" des Gottschalk. Die Synode zu Mainz i. J. 848 verurteilte auch diese Lehren. Aber Gottschalk gab nicht nach, er war unversöhnlich, unbeugsam. Er verteidigte in Briefen, Schriften und besonders anonymen Arbeiten, vielleicht auch Gedichten sein Recht : es kam wirklich zu einem Streit, ja zu einem Kampfe auf Leben und Tod zwischen „Wahr­heit" und „Lüge" auch in seinem Leben ! Heute freilich wissen wir es, dass er auf Grund seines uns bekannten literarischen Nachlasses, seiner Briefe, sowie seiner beiden Glaubensbekennt­nisse, die er kurz nach 849 verfasst zu haben scheint, 1 kaum mit irgendeiner Häresie verdäch­tigt werden könnte. Denn er überliess ja die Entscheidung in dem Kampfe zwischen „Wahr­heit" und „Lüge", d. h. zwischen „Leben" und „Tod" der „göttlichen Vorsehung", bzw. der „gött­lichen Weisheit", — was doch an sich noch keine „Prädestination" in jenem Sinne sein muss, in welchem Sinne es von Hrabanus und von seinem Kreise verurteilt wurde ! Aber noch einen zweiten „Racheakt" musste Gottschalk über sich ergehen lassen. Hinkmar, der Erzbischof von Reims entkleidete ihn i. J. 849 zu Quierzy seiner — angeblich unkanonisch erlangten, — Priester­würde und liess ihn im Kloster Hautvilliers zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt schmachten. Aber der von ihm und um ihn entfachte Prä­destinationsstreit wogte weiter. Auf der einen Seite standen samt Hrabanus der eben erwähnte Hinkmar und Scotus Eriugena, auf der anderen Seite aber Ratramnus von Corbie , Servatus Lu­pus, der Bischof Prudentius von Troges und Remigius von Lyon. Gottschalk schwieg. Nur noch einmal erliess er eine „schedula" gegen Hinkmar und verursachte damit einen „Trinitäts­streit," da er die an sich korrekte Formel „Trina deitas" im Sinne einer „triplex Deitas" erklären zu wollen schien. Auch dieser Umstand ist sehr wichtig, dass Gottschalk sich auch in einen Tri­nitätsstreit verwickelte ! Darnach, was ich in den einleitenden Kapiteln über die Tragweite der Trinitätslehre mitgeteilt habe, steht Gottschalk auch in dieser Hinsicht jenen späteren deutschen Mystikern sehr nahe, die ja ebenso Elemente der altgermanischen Weltanschauung zu chri­stianisieren suchten und dadurch zu vielen Miss­1 Migne, Patr lat. CXXI, Sp. 346-366. Verständnissen Gelegenheit gaben, wie Gott­schalk, der ja übrigens als ein Sachse viel mit der altsächsisch-germanischen Weltanschauung des Helianddichters gemein hat. Auch der He­lianddichter verkündet in seinem Werke, dass die Sündenschuld, das Übel geschehen musste, und verhüllte seinen eigenen, nicht abgeschwäch­ten „germanischen Schicksalsglauben" unter dem „Willen Gottes", wie auch Gottschalk seine Lehre von der „ewigen Vorbestimmung alles Gesche­hens seit Uranfang" hinter der Gestalt der „Phro­nesis", der „göttlichen Weisheit" verbarg, — auch in dem Streitgedichte zwischen „Wahrheit" und "teuflischem Trug" in seiner „Ekloge" ! 2 „Der Glaube an ein alles Menschenwesen unverrück­bar bestimmendes Geschick, der so nahe mit der Prädestinationslehre Augustins (?) verwandt ist" — sagt Ehrismann in seiner. Literaturge­schichte, — verkündet eine Art Überzeugung, eine Art „Gewissheit von der Notwendigkeit des Geschehens", „die auch im Hildebrandslied den Zweikampf zwischen Vater und Sohn entschei­det". Dem Helianddichter brachte aber diese einen Ruhm, unserem Gottschalk dagegen Ver­derben, — er starb in seiner Haft geistig um­nachtet ! Das „grosse Rätsel", das er Vs. 321 ff. seiner Ekloge durch Aletheia dem lügnerischen Gegner aufgeben lässt, — konnte auch er nicht lösen. Ich glaube, die Notiz Osternachers ist sehr richtig und kann ohne weiteres angenommen werden, da doch über den „Theodulos" oder „Theodoros", — wie ihn viele Handschriften und Kommentare nennen, — so viel Unrichtiges und Falsches berichtet wird. Woher stammt also der Deckname Theodulos ? Vielleicht benützte ihn auch Gottschalk selber, als er sich in seinen Schriften gegen die Missverständnisse und un­nötigen Angriffe seiner Zeitgenossen verteidigte. Aber es ist auch sehr leicht möglich, dass man ihm diesen Decknamen erst nachträglich gab. Denn sein „Schulbuch", die „Ekloge", hatte ein grosses Aufsehen gemacht, wurde in allen Klö­stern vielleicht noch in seinem Leben und eher noch nach seinem Tode verbreitet und gerne benützt. — Aber man schämte sich des „un­bändigen, unbeugsamen Klostermannes", gab ihm einen Decknamen, um den Klosterschülern, vor denen freilich die wahren Schicksale des Dichters verheimlicht werden mussten, kein „bö­ses Beispiel" in die Hände zu geben. Ich möchte nun, da ich das ganze Streit­gedicht mitzuteilen gezwungen bin, auch dessen Inhalt eingehend, — u. zw. nach der erwähnten Abhandlung Vollmers, 3 — besprechen. In Aethiopien treifen im Hochsommer um die Mit­tagszeit bei einem Wasser ein Hirt und eine Hirtin zu­sammen. — so beginnt Vollmer den Inhalt des Gedich­tes. Der Hirt stammt aus Athen, und er kann nicht nur seine Fistula blasen, sondern auch Verse kann er schmie­den. Merkwürdig, dass dieser Hirte, der, aus Athen stam­mend, später sich sehr „gelehrt", ja naseweis benimmt, 1 Vgl. Ehrismann, Gesch. d. deut. Lit. I. Teil, S. 182. 3 Vgl. S. 323 ff.

Next

/
Oldalképek
Tartalom