KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

II. Formale Versuche vor dem Vadomori als Pro-totypen der Vadomoriform

In einem Hymnus aus dem XI. bzw. XII. Jahrhun­dert 1 steht die lange Reihe der „Ubi-sunt"-Fragen dicht nebeneinader, wie in einer Priamel : „Transierun t rerum materies, Ut a sole liquescit glacies Ubi Plato, ubi Porphyrius ; Ubi Tullius aut Virgilius ; Ubi Thaies, ubi Empedocles. Aut egregius Aristoteles ; Alexander ubi rex maximus ; Ubi Hector Trojae fortissimus ; Ubi David rex doctissimus ; Ubi Salomon prudentissimus ; Ubi Helena Parisque roseus — Ceciderunt in profundum ut lapides ; Quis seit an detur eis requies ?" Und nun möchte ich nochmals dorthin zurückgrei­ien, woher ich diesen langen Forschungsweg über die Contemptus-Mundi-Werke betrat : Dante ging ja in seiner Divina Commedia ebenfalls aus diesen und derartigen mittelalterlichen Gedichten aus 1 Die „Die, ubi sunt ?"-Formel ist schon Jahrhunderte vor dem ersten Vadomori eine traditionelle Form der Vergänglichkeitsdarstellung gewesen. Leicht möglich, dass der erste Vado­moridichter sich schon nach diesem uralten Vor­bilde richtete, als er die Wendung „vado mori" zur Grundlage seiner dramatisch-monologischen Vergänglichkeitsdarstellung wählte. 2. Vergänglichkeitsformeln und Versbravuren In den mittelalterlichen Vergänglichkeits­gedichten werden vor allem stereotype Wendun­gen verwertet, welche Jahrhunderte hindurch immer und immer wiederkehren. Das älteste und interessanteste Zitat deutscher Herkunft ist die alte „Antiphona de morte " des St. Galler Mönchs Notker Balbulus ("f 912): „Media vita in morte sumus. Quem querimus adiutorem Nisi te, domine ? Qui pro peccatis nostris Juste irasceris. Sancte deus, sanete fortis, Sancte et misericors salvator : Amarae morti ne tradas nos I" .. . Aus dieser Antiphon entwickelte dann Luther den wunder­vollen Text in seinem Liede vom Jahre 1524 : „Mitten wir im Leben sind Mit dem Tod umfangen : Wen suchen wir, der Hilfe tu, Dass wir Gnad erlangen : Das bist du, Herr, alleine. Uns reut unsre Missetat, Die dich, Herr, erzürnet hat. Heiliger Herre Gott, Heiliger starker Gott, Heiliger barmherziger Heiland, Du ewiger Gott, Lass uns nicht versinken In des bittern Todes Not. Kyrieleison" . . . usw. 1 Vgl. M. H. Havelock Ellis, Villon and church hymns. The Academy 27 Mai 1882. In der zweiten und dritten Strophe geht dann Luther aus den Sätzen „Mitten in dem Tod an­ficht Uns der Höllen Rachen" und „Mitten in der Höllen Angst Unsre Sünd uns treiben" aus..." Aber schon vor Luther wurde im XV. Jahrhun­dert dieser Text so gesungen : „En mitten in des Lebens zeyt sey wir mit tod umbfangen : Wen such wir, der uns hilfe geit, von dem wir huld erlangen" . . ,' s Dies ist umso wichtiger, da doch auch die Vadomorigedichte nicht mehr und nicht weniger zeigen, schildern und darstellen wollen, als dass alle Stände und alle Vertreter irdischer Würden schon „im Leben" vom Tod umfangen seien . . . Und wenn dieser Kirchenliedtext schon in dem X. XI. und XII. Jahrhundert in dieser alten Form gesungen wurde, 4 so hat er auch auf den To­tentanz gewirkt. Ein ebenso häufig wiederkehrendes Zitat in mittelalterlichen Vergänglichkeitsdarstellungen ist der Text mit dem stereotypen Ausdruck „Mors fera". in der Hschr. Nr. 1007 der Bibl. Mazarine steht fol. 412v (aus dem XIII. Jh.) folgende Vari­ante : „ Mors fera, mors nequam, que nunquam parcit et equam Dans cunctis legem, miscet cum paupere regem. Omnes crede mori, mors nulli parcit honori, Omnes majores mors occupat atque minores Equa falce secat, humilem majoribus equat." Und dieser Text steht schon zu den Vadomori­gedichten sehr nahe ! Ja, er erscheint häufig mit ihnen vereinigt ! In dem sog. Steinhauer-Vadomori-Buch 6 wird ein sehr interessanter Text zitiert, — den der Verfasser freilich wieder dem hl. Bernhard von Clairvaux zuschreibt. In diesem Texte kehrt am Schluss einer jeden Verszeile die Frage „Quid inde?" wieder: 1. „Si mihi sint vites, et praedia magna; Quid inde? 2. Auri si species : Argenti massa ; Quid inde ? 3. Si mihi sint nati de Regis Stirpe ; Quid inde? 4. Longus servorum mihi serviat ordo; Quid inde? 5. Si doceam socios in qualibet arte ; Quid inde ? 6. Et rota fortunae me tollat ad astra ; Quid inde ? 7. Si felix annis regnavero mille ; Quid inde ? Tarn cito praetereunt haec omnia, quod nihil inde ; 8. Serviat ergo Deo quisquis, quoniam satis inde... " Es ist bezeichnend und von grosser Wich­tigkeit, dass hier das Fortuna-Rad erwähnt wird. Diese Texte nämlich, welche immer mit dem­selben Ausdruck, mit derselben Wendung be­2 Vgl. Freybe, Memento Mori. Gotha 1909, S. 32, 223. 3 Vgl. Rehm, a. a. O. S. 75. 4 Vgl. Catologus Codicum Mss. Bibl. Monasterii Einsiedelnsis. 0. S. B. Bd. 1899: cod. 250, saec. XII., fol. 424—425 : Media uita in morte sumus : Chevalier, Repert. hymn. 9934 ; Du Méril. a. a, 0. S. I. S. 408 ; vgl. oben die nach Mone mitgeteilten Contemptus-Mundi-Texte! S. 145. 6 Strassburg 1744, S. b5.

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