KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)
I. Die „Contemptus-Mundi"-Literatur
- 133 — im Sammelband der Münchener Bayerischen Staatsbibliothek P. 0. lat. 197. Dann aber kann es für den weiteren Lauf unserer Forschungen von aussergewöhnlicher Wichtigkeit sein, wenn E. Schröder in derselben Münchener Bayerischen Staatsbibliothek unser Contemptus-mundi-Werk auf den Blättern fol. 116—119 der aus dem Kloster St. Emmeram stammenden Handschrift Clm. 14062 (saec. XIV.) findet und nach seiner eigenen Aussage (a. a. 0. S. 340—341) an Ort und Stelle im Handschriitenzimmer derselben Bibliothek mit Wilhelm Meyer zusammen festellt, dass diese Handschrift sicherlich schon im XIV. Jahrhundert dem erwähnten Kloster angehört haben musste, aber — wie es an der Schrift ausdrücklich zu merken ist, — in Frankreich geschrieben wurde. Wie wir sehen werden, weisen auch andere geschichtlichen Daten darauf hin, dass das Contemptus-mundi-Gedicht mit dem Anfang „Chartula nostra" in Frankreich entstanden ist. Das meist in der Länge von ca. 373—380 Versen abgeschriebene und verbreitete Gedicht „Chartula nostra" ist nach Schröder 1 noch in folgenden „codices latini chartacei" der Münchener Bayerischen Staatsbibliothek vorhanden: 4413 (Aug. S. Ufr.; saec. XIV. med.: fol. 3b10a ; 277 Verse : lückenhaft zw. fol. 3-4). 4350 (Aug. S. Ulr.; saec. XV.; fol. 4-6, ca. 380 Vs.). 4146 (Aug. S. Cruc.; saec. XV.; fol. 9b —14b ; ca. 380 Vs.; der Schreiber, Burckhard Zingg. beklagt sich an. 1436/37 über die Fehler der Vorlage), 4409 (Aug. S. Ulr.; saec. XV.; fol. 208a-212a ; verstümmelt : 230 Vs.). 7678 (Indersd.; saec. XV.; fol. 108— 116; 376 Vs.; 1449/50, Augsburg), endlich 11804 (Polling ; saec. XVI ; pag. 78-92 ; über 380 Vs.). Noch eine weitere Handschrift erwähnt E. Schröder aus der „Grossherzogl. Hofbibl." Perg. Nr. 3223 (fol. l-8a), wo der Contemptus-mundi-Text mit Zeichnungen aus dem Phisiologus, mit einer Darstellung des Lebensbaumes mit der Schlange, mit einem Kreuzbilde vereinigt erscheint : mit dem „Facetus", dem „Cato" oder „Nouus Cato", dann mit einem „Liber quinque clavium sapiencie" und schliesslich auch noch mit einem „Physiologus" . Das Gedicht „Chartula nostra" wendet sich an mehreren Stellen gegen die vornehmen Stände, besonders gegen die weltlich gesinnten Geistlichen, und der Dichter scheint seine eigene Person hinter den Schleier einer Legende verbergen zu wollen. In der Handschrift Bibl. Nat. ms. lat. no. 8023 zu Paris heisst es nach einer Glosse : „alii dicunt, quod fuit missus de coelo per angelum". Also ein Engel soll das Gedicht vom Himmel herab gebracht haben I Der Papst Damasus, den man auch mit den Motiven der Hieronymuslegende in Verbindung gebracht hat, 2 wird in einer Handschrift der Bibl. Cotton. 3 als der Verfasser des Gedichtes genannt. Den Papst Coelestin erwähnt die Handschrift Bibl. Nat. Nr. 10734 (fol. 65). den Papst Sylvester I. der Kodex ms. fr. 8023 (fol. 45). Zwei Handschriften, eine in Leyden, Nr. 360 und eine in Saint-Bénigne* geben andere Aufschlüsse. Am wahrscheinlichsten klingt nach Hauréau die Angabe eines Manuskripts der Bibliothéque Nat. in Paris ms. fr. 3539, wonach der Dichter des Contemptus-mundi-Textes der Erzbischof Hinkmar von Reims (t 882) wäre. Aber auch dies ist geschichtlich und, auch vom Standpunkte des Charakters der Dichtung aus betrachtet, ein Ding der Unmöglichkeit. Die Wiener Handschrift, welche Denis im „Catalogus man. theol. Vind". 5 verzeichnet, hält den Ver1 A. a. 0. S. 343. 2 Vgl. GTT Bd. I. S. 277. 3 Vgl. Du Méril, Poésies populaires latines antérieures au douziéme siécle. Paris 1843. S. 125. 4 Montfaucon, Biblioth. bibl. col. 1286. 5 Bd. I., S. 628. fasser für einen Predigermönch, der das Gedicht an seinen Bruder, welcher Kardinal war, geschrieben hätte. Aber das Gedicht apostrophiert den Adressaten dieses poetischen Briefes ausdrücklich als ein Kind oder als einen dem Kindesalter noch näher stehenden Jüngling. Zwar konnten die Kinder höchster Stände schon in frühester Jugend derartige Ehrentitel bekommen, trotzdem scheint auch die von der erwähnten Wiener Handschrift gegebene Nachricht falsch zu sein. Die älteste datierte Handschrift ist der Kodex ms. fr. 3549, 6 welche unser Gedicht „Chartula nostra" enthält. In diesem Manuskript der Bibl. Nat. in Paris steht die Bemerkung bei dem Texte : Bernardus Itherii, armarius : Anno 1207 ab incarnatione Domini, Johanne, Anglorum rege, veniente de Anglia a la Rochela". Also schon i. J. 1207 verbindet sich unser Text mit einem „Bernardus". Irgendein „Bernhardus" soll auch nach dem Bericht der Münchener Handschriften 4413, 7678 und 11864 der Verfasser des Gedichtes sein. Aber die Schreiber dieser Handschriften dachten nicht mehr an den „Bernardus Itherii", an den Mönch und Bibliothekar von St. Martial in Limoges (1163—1225), den Verfasser einer Chronik,'' sondern an den hl. Bernhard von Clairvaux, den „Doctor mellifluus". Ein gewisser „Bernardus" ist der Dichter auch nach der Notiz der Handschrift Paris. Bibl. Nat. ms. fr. 3562 (fol. 157) und Monte-Cassino Nr. 227. Wie kam es dazu, dass unser Gedicht „Chartula nostra", welches auch dem Inhalte nach ursprünglich ein anonymes Gedicht gewesen zu sein scheint, dem hl. Bernhard zugeschrieben wurde ? Denn in einer sehr verbreiteten Variante des Textes heisst ja der Anfang : „Chartula nostra tibi portal, Rainalde, salutes . . ." Und dieser Rainald oder „Reinaud", wie der Name in französischen Handschriften geschrieben wird, soll ein vom Dichter Vs. 21 als „fráter" angesprochener, jüngerer Bruder des Verfassers sein, der noch im Weltleben steht (Vs. 22) und noch sehr jung ist, sodass der ältere, leibliche Bruder, — der Verfasser dieses poetischen Briefes, — für sein Seelenheil sehr besorgt ist (Vs. 254 ff., 358 ff.), den er besonders vor der sinnlichen Liebe, vor der List der Frauen bewahren möchte (Vs. 83 ff.). Der hl. Bernhard von Clairvaux, der seine jüngeren Brüder ebenfalls für den Eintritt in das Kloster zu gewinnen bestrebt war, hatte keinen Bruder dieses Namens. Wenn also die Form mit dem Namen „Reinald" die ursprünglichere ist, — und dies meinen Hauréau, sowie auch Schröder, 8 — dann ist die Autorschaft des Bernhard von Clairvaux schon von dieser Seite aus gesehen ein Ding der Unmöglichkeit. So bleibt also nur der oben erwähnte „armarius", Bernard Ithier von Limoges, dem man der allgemein verbreiteten Tradition entsprechend, dass der Verfasser „Bernard" heisst, das Gedicht zuschreiben könnte. Aber, — wie es auch Hauréau 9 und E. Schröder 1 0 betonen. — war dieser „armarius" auch nach seiner eigenen Aussage nicht der „Verfasser" oder „Erfinder" des Gedichtes, sondern nur ein Sammler von verschiedenen „aktuellen" und „modernen", der Mode seiner Zeit und auch dem Bedürfnisse seines eigenen Klosters am meisten entsprechenden Texten. Er ergänzte nämlich unser Contemptus mundi mit einem Anhang, der grösser, länger ist, als das Gedicht selbst. Und Hauréau zeigt, dass dieser Anhang, der zusammen ungefähr 520 Verse zählt, 1 1 eigentlich nur eine Kompilation, ein „Potpourri der verschiedensten Vers- und Stilarten" ist und dass einzelne Teile dieses „Anhanges" nicht einmal vom Standpunkte des behandelten Gegenstandes aus betrachtet zusammengehören 1 Bernard Ithier war also kein Dichter 1 Er schrieb unser Contemptus mundi ab, weil er darin die merkwürdigsten Formen der Hexameterverse vorfand, und nach dem Gedichte „Chartula 6 Vgl. Hauréau, a. a. 0. S. 7. und E. Schröder, a. a. 0. S. 340. 7 Vgl. hg. v. Duples-Agier, Chroniques de St. Martial de Limoges. Paris 1874. S. 28—120. 8 A. a. O. S. 342. 9 A. a. 0. S. 10-24. 1 0 A. a. O. S. 340. 1 1 Im Druck des Jean Petit: 523 Vs., in der Hschr. Clm. 14062:508; vgl. Schröder. S, 340.