KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)
I. Die „Contemptus-Mundi"-Literatur
Tugendgestalten verwandeln sich in Menschengestalten, die dem entsprechenden Laster frönen oder die betreffende Tugend verwirklichen. Diese Entwicklungsstufe vertritt ein im XIII. Jh. entstandenes, in zweisilbig gereimten leoninischen Hexametern verfasstes Gedicht mit dem Anfang „Superbia : Despicio miseros, quia dicor maximus heros. Humilitas : „Contempno dici dominus, quia forcia vici... ] Am Rande werden hier die sprechenden Tugenden und Laster schon als Dives — Pauper, Cupidus — Largus, Propietarius — Communis, Terrenus — Celestis usw. verzeichnet. Ähnliche Randglossen erhalten dann auch die Vadomoridistichen. Ausser einigen jüngeren Fassungen der Ständegedichte und Streitgedichte über die Vitia und Virtutes, 2 die Walther in seinem Werke über die Streitgedichte bespricht, kann uns noch das merkwürdige Gedicht aus cod. Mellicens. 416 saec. XV. S. 396 interessieren, welches Walther S. 116 im vollen Umfange mitteilt (Anf .: „Me merito censo minimam . .."; vgl. auch Wolfenbüttel 68, 13. Aug. 4 V f. 51.) und das so aufgebaut wurde, dass die Worte von oben nach unten gelesen die Verspaare der Tugenden (Humiiis, Misericordia, Concordia, Largitas. Fortitudo. Castitas, Sobrietas) und in umgekehrter Reihenfolge, die Worte nach verkehrter Reihenfolge, von unten nach oben gelesen, die Antworten der Laster (Gula, Luxuria, Accidia, Avaricia, Ira. Inuidia, Superbia) ergeben. Man erlaubte sich diese Wortspielerei, weil man die sieben Tugenden und Laster sicherlich auf die sieben Speichen des Lebensrades zeichnete. Damit man wegen Raummangel den einzelnen Tugenden oder Lastern keinen besonderen Text zuschreiben muss, half man sich auf eine so witzige Weise. Nach diesem Muster hat man dann wahrscheinlich auch die Vadomoridistichen auf die Speichen und die sieben inneren Kreise des Lebensrades geschrieben, und es wäre interressant, wenn man auch ein Vadomori finden würde, dessen Worte in verkehrter Reihenfolge irgendeine verheimlichte Deutung ans Tageslicht bringen dürfte. Was uns noch aus den einzelnen Etappen der Entwicklungsgeschichte des Streites zwischen Tugenden und Lastern interessieren könnte, ist der Umstand, dass sich aus der Reihe der Laster hie und da eine Gestalt herauslöste und in einer an sich selbständigen Szene auftrat. Besonders die Gestalt des Geizigen erfreute sich einer aussergewöhnlichen Beliebtheit. Dies beweisen der „Dialógus Avari" in zwölf Stabatmater-Strophen 3 und der „Dialógus de Diuite et Lazaro". i Beide Gedichte stehen zu den Szenen vom Reichen und vom armen Lazarus in manchen Handschriftensammlungen und Gesamtlegendenkompilationen 5 sehr nahe. Vor allem vertreten sie eine 1 München, Clm 11465, saec. XV. fol. 89 v.; Walther. a. a. 0. S. 115-116. Anm. 1 zählt noch Clm. 16463; Vat. Pal. lat. 719; Darmstadt 2225 aus dem XV. Jh., Tours 111 „Rota pugnae morális" aus dem XIII —XIV. Jh. und Cambridge. Ee. VI, 29 aus dem XIV. Jh. auf. 3 Walther erwähnt a. a. 0. S. 117—120 noch das Gedicht „Arbor viciorum et viitutum cum suis ramis", wobei ersichtlich ist, dass diese Vorstellungen mit dem Lebensbaumbild zusammenhängen. Anf.: „Superbia : Cetera cum supero, memet transcendere quero". Sieben Hauptlaster erscheinen hier mit je sechs Zweigen. Ein anderer Anf.: „Nescio parere, mihi jussa recuso tenere. Walther zählt S. 117. Anm. 1 eine lange Reihe von Handschriften auf. Weiter erwähnt Walther ein Gedicht von 56 Versen mit dem Anf. „Ad bona sum cernens bona semper cetera spernens" in Breslau U. B. I. Q. 7. saec. XIV.. dann ein Gedicht von 92 leonin Hexametern in Clm. 16110 saec. XIII. fol. 444 r-v und Clm. 9624 saec. XIV. fol. 64 rv. Von Philippe de Gieve stammt das Gedicht „De pugna viciorum", 25 rhythmische Strophen in der Hschr. Brit. Mus. Egerton. 274 saec. XIII. usw. 3 Dreves. Anal. hymn. XLV1. S. 386 ff. 4 Vgl. Haure'au : Notices et Extraiis etc. 32, 1, 299 ff. nach Bibl. Nat nouv. acq. 1544. saec. XV. f. 98 und lat. 11867 saec. XIII. f. 99.; vgl. Walther, a. a. 0. S. 124, Anm. 2, wo weitere handschriftl. Angaben erwähnt werden. 5 Vgl. Paris, Bibl. Nat. ms. fr. 957 und in der TrierHomburger Gesamtlegendenform. ebenso eigenartige Auffassungen der Streitgedichte, wie die Standesgedichte selbst. „Reichtum" und „Armut" stehen in ihnen einander gegenüber, wie in jenen Streitgedichten, welche den Gegensatz der Stände und der Mönchsorden darstellen und welche -Walther S. 153 ff. bespricht. Die „Altercatio rusticorum et clericorum", 6 sowie der Streit des Ritters und des Klerikers (Anf.: „Commendatio militis et militiae : Ut tenebris lux prefértur preuisa dierum . . ."), den Walther' S. 248 ff. nach der Hschr. Cambridge, Univ. Libr. Dd. 11, 78. fol. 166v-169r (XIII. Jh.) veröffentlicht, weisen schon manche Elemente der Vadomorigedichte auf. Mit ihnen verglichen erscheint das Vadomori als allerdings weit abseits liegendes Glied des reichverzweigten Entwicklungssystems der Streitgedichte. Auf noch einen Umstand muss ich aufmerksam machen. Wie sich es im Laufe meiner weiteren Untersuchungen herausstellen wird, hängt die Einstellung der Vadomorigedichte mit dem Streit der schwarzen und weissen Mönche zusammen. Die Contemptus-mundi-Gedichte und auch das Todesgedicht des Helinandus und sein Vadomori stehen damit in Berührung. Diesen Gegensatz zwischen dem weissen Orden von Clairvaux und dem schwarzen Orden der Benediktiner zu Cluny behandelt schon um die Mitte des XII. Jhs. ein Benediktinermönch aus Admont, der in den Orden des hl. Bernhard eintrat und den in Prosa geschriebenen „Dialógus inter Cluniacensem et Cisterciensem de diversis utriusque ordinis observantiis 7 erfand. Dasselbe Thema behandelt das in 42 Vagantenstrophen verfasste lat. Gedicht: „De Clarevallensibus et Cluniacensibus", 8 und beweist ausdrücklich, dass die Streitgedichte und die übrige Standesliteratur zu dem Vadomori in einem kulturgeschichtlichen Verhältnis stehen, da dieses aus denselben Vorbedingungen abgeleitet werden kann, wie jene. Dieser kulturgeschichtliche Hintergrund leitet uns dann unmerklich zur Gesamtlegende über. Dies scheint auch Walther geahnt zu haben, weil er auch jene Everyman- und Ars-moriendi-Verse unter Streitgedichten veröffentlicht, 9 welche ich aus der Originalhandschrift in Wien abgeschrieben und auch selbst seinerzeit im I. Bd. meiner GTT S. 96b—97a zitiert habe. 5. Walter Mapes und die Contemptus-mundi-Ständegedichte Schon unter den einzelnen Sändegedichten wurde Walter Mapes erwähnt, und da uns noch zu den Todesgedichten Helinands und den verschiedenen Gesamtlegendenkompilationen, sowie auch noch zu den Vadomorigedichten ein ziemlich weiter Weg führen soll, möchte ich hier einiges von den Walterschen Ständegedichten besprechen oder mitteilen, um einen Vergleich mit der Standesreihe der Vadomorigedichte zu ermöglichen. Eine Sammlung jener Gedichte, welche man allgemein Walter Mapes zuschreibt, bietet Thomas Wright, in dem mächtigen Werke „The latin poems commonly attributed to Walter Mapes. i Q Derselbe Thomas Wright veröffentlicht auch die Märchen-, bzw. Novellensamm6 Walther, a. a. 0. S. 154. 7 Vgl. Walther, a. a. 0. S. 163. 8 Ed. Th. Wright, Mapes S. 237. Walther S. 64. 9 Vgl. Walther a. a. 0. S. 223-224 unter Nr. XIII. im Anhang : Dialog von der Erlösung. 1 0 Collected and edited by Thomas Wright, Esq. M. A. F. S. A. etc. of Trinity College. Cambridge . . . etc. London, Prin'ed for the Camden Society, by John Bowyer Nichols and son. 1841,