KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)
ERSTER TEIL. Einführung in den Stand der neuesten Forschungsergeb nisse
jener Gesamtlegende, deren Aufbau und einzelne Textstellen mit der ungarischen „ComicoTragödie" übereinstimmen. Wie das Vadomorigedicht, der EverymanDialog und die Abzweigungen der Legende /on den drei Lebenden und Toten in der ComicoTragödie, so hat auch der mittelalterliche Totentanz nur ganz bescheidene Pfleger in der älteren ungarischen Literatur und Kunst gefunden und sogar diese betrachteten den Totentanz meistens durch die Brille der im XVI. Jahrhundert auch in Ungarn bekannt gewordenen Holbein-Totentänze. Das Gedicht von Pesti György (1560), in welchem eine in Ungarn verfertigte Reproduktion der Holbein-Totentänze in Versen beschrieben wird, 1 sowie eine im Museum des Komitats Gömör zu Rimaszombat befindliche Kopie eines Werkes von J. Ridinger, dann das Fresko in der griechischen Holzkirche zu Mérgeska (aus dem XVIII. Jahrhundert), sind nur unbedeutende, zwar nicht wertlose Einzelheiten, denen aber in der Heranbildung einer ungarischen Totentanz-Tradition keine besondere Rolle zufiel. Fortlaufend soll hier eine Übersicht jener Erscheinungen gegeben werden, welche in der Geschichte der Totentanzmotive in Ungarn seit den Holbein-Nachahmungen eine neue Epoche eröffneten. Der einzige Born einer Erneuerung der Totentanzarten auf ungarischem Boden hätte nur die ungarische Volkspoesie werden können und diese hat man nur seit dem Anfang des XIX. Jahrhunderts berücksichtigt. Die Balladen- und Sagenwelt des ungarischen Volkes kommt erst bei den grössten ungarischen Dichtern zur Geltung. Die Eigenart der ungarischen Ballade, welche der Allegorie eine lokale Bedeutung gibt, trägt viel zur Entstehung einer realeren Totentanzauffassung in Ungarn bei. In der Volksballade von Bäcs Jancsi 2 wird der Bauernbursche von einem niederstürzenden Baumstamm zu Boden geschleudert und dort erst vom Tod festgehalten, damit er nicht mehr aufstehen kann. Aber auch phantastische und mystische Einfälle des Volksdichters bringen Neuerungen gerade auf einem Gebiete, das in Westeuropa weiter nicht ausgebaut wurde. Es ist das Motiv des „Zu-Tode-Tanzens", welches die ungarischen Märchen den „tödlichen Tanz" nennen. In einer Volksballade 3 fordert ein bescheiden gekleideter Bauernbursche seine Braut zum Tanze auf, wird aber vom Bauernmädel wegen seiner Kleidung zurückgewiesen. Der Bursche zieht Sonntagskleider an, bekommt die Zustimmung seiner Braut, tanzt aber mit ihr so lange, bis sie in Ohnmacht fällt und am nächsten Tag stirbt. Der Rahmen des eigentlichen „Zu-Tode1 Vgl. meine Abhandlung im 3. Heft des I. Jahrganges der „Deutsch-ungarischen Heimatsblätter" hg. von Jakob Bleyer, Budapest 1929. 2 Magy. Remekírók Bd. 55, S. 28—29. 3 Remekírók Bd. 55, S. 189. Vgl. Ortutay—Buday Gy., Székely népballadák. Budapest 1935. Nr. 54. Verlag der Univ.-Druckerei. 32 Tanzens" ist die sog. Othbertus-Legende, welche in der Ballade von Arany János von den „Sonntagsschändern" 4 eine unerreichbar kunstvolle Bearbeitung erlebt hat. Das Motiv des „ZuTode-Tanzens" wird in dem Roman von Berde Mária 5 zum Symbol des Lebens. 6 Das „Zu-Tode-Tanzen" ist ein Tanz von Lebenden, die den Tanz nicht lassen können und daher infolge des unaufhörlichen Tanzens sterben müssen. Aber auch die ungarische Volkssage erzählt von den nächtlich erwachenden Toten, deren Zeitvertreib der Tanz im Kirchhof sei und die auch den Lebenden tanzend erscheinen, um sie zu verderben, durch den Wirbel des Tanzes dahinzuraffen. In dem XXII. Gesang des János vitéz von Petőfi Sándor (1844) gelangt der Hauptheld auf seiner Wanderung durch die finstere Nacht unversehens in einen Friedhof und hält auf einem der vielen Grabeshügel Rast. Während er schläft, erscheinen mitternachts in Leichentücher gehüllt die Seelen der Toten und führen einen so lustigen Tanz auf, dass die Erde unter ihren Tritten dröhnt. Sie entdecken auch den Schlafenden, umringen ihn lärmend und tanzen auch um ihn einen Reigen in der Absicht, ihn, den frechen Eindringling, mit sich zu schleppen. Da kräht aber der Hahn und die Gespenster verschwinden. Dieser Wirbeltanz der Toten in der Volkssage ist Mittel der psychologischen Motivation in der Ballade „Hídavatás" von Arany János (22. Aug. 1877). Derselbe Hess auch durch die Erscheinung der mit Rákóczi im türkischen Exil gestorbenen Ungarn in der nächtlich wandelnden Geisterprozession die historische Bedeutung der 48-er Freiheistkämpfe im Gedichte „A rodostói temető" hervorheben (im Juli 1848). Die phantastischen Züge der Sage werden zum poetischen Ausdrucksmittel und treten von der Wirklichkeit in das Innere des Menschen zurück. Man kann darin eine speziell ungarische Abzweigung der Totentanzmotive betrachten, dass die unwahrscheinlichen Sagenmotive durch eine eigenartige Rekonstruktion wieder zum inneren Erlebnis werden, aus welcher Quelle sie ja ursprünglich stammen. Der Umsturz nach dem Weltkrieg, die Károlyi-Revolution im Jahre 1918 und der von fremden Elementen nach Ungarn eingeschleppte Kommunismus des Jahres 1919 wird aus dem genannten Grunde ein totentanzähnlicher Reigen der vom Tode angeführten Gespenster des Kirchhofes und gestaltet sich in dem Gedichte „Haláltánc" von Kozma Andor zu einem Totentanzerlebnis des Dichters. Der Tod, der hier als Führer der Toten auftritt, ist selber nicht zu einem Toten geworden, wie in den meisten westeuropäischen Totentanzwerken der letzten Jahrzehnte. Der ungarische, von den katholischen und prote4 Az ünneprontók; 21. Juli 1877 ; Remekírók Bd. 42, II. S. 186-88. 5 Haláltánc, 1924. 0 Vgl. die Londoner Szene in der „Tragödie des Menschen" von Madách.