KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)

ERSTER TEIL. Einführung in den Stand der neuesten Forschungsergeb nisse

- 23 ­VII. Die Entstehungsgeschichte der „Gesamtlegende" Die „Neulegende" oder „Gesamtlegende" ist eine Zusammensetzung der Everymanlegen­de und der Legende von den drei Lebenden und drei Toten. Diese Vereinigung der „Gisant­Typ-Legende" mit der Urform der Everymanle­gende, mit der arabischen „Freundschaftsprobe", erfolgte schon in der Barlaam und Josaphat-Le­gende und in der „Disciplina clericalis" von Petrus Alphonsus. Nach der Regel mittelalterli­cher Legendenbildung wurde aus einem Ne­beneinander der Motive ein Ineinander. Die „Gisant-Typ"-Legende ist die Urform der Legende von den drei Lebenden und drei Toten. Ein Toter liegt im offenen Grab und spricht zu einem Lebenden. Aber schon in der N'omán­Legende kommt dieser eine Lebende mehrmals zum Grab des Toten und findet diesen jedes­mal in einem weiteren Grad der Verwesung. Die mittelalterliche darstellende Kunst liebt zeit­lich voneinander getrennte Szenen räumlich zu vereinigen. Die drei Versuchungen Christi wer­den z. B. auf demselben Bilde in drei Szenen dargestellt, welche die Gestalt Christi und des Teufels dreimal wiederholen. Nach der Urform der „Gisant-Typ-Legende" liegt nur ein Toter im Grabe, der von einem Lebenden dreimal be­sucht wird und der demselben Lebenden drei­mal eine Ansprache hält, die wir den ..Jammer­ruf des Toten" nennen. Auf älteren Bildern der Legende von den drei Lebenden und drei To­ten werden die drei Lebenden einander sehr gleich gezeichnet und die drei Toten in drei verschiedenen Stadien der Verwesung. Die drei Lebenden sind also derselbe Lebende, der den Toten ursprünglich dreimal besucht hat. Eine wei­tere Stufe dieser dreimal abgezeichneten „Gisant­Typ"-Legende ist, dassauch derselbe Lebende — der jetzt schon an die Gestalt Everymans erin­nert dreimal in drei verschiedenen Altern wie­derholt wird. In diesem Falle wirddie Legende von den drei Lebenden und Toten bildlich mit dem „Lebensrad" identisch. Bei Heinrich von Melk wird der Tote in drei zeitlich getrennten Fällen von je einem anderen Lebenden betrachtet. Als so­eben Gestorbener liegt der reiche König auf seiner Bahre, als halbverwester Leichnam wird er von seiner Frau betrachtet und als vollständig ver­westes Skelett wird er von seinem Sohne, der sein Grab öffnet, über sein Schicksal befragt. In der lateinischen Bearbeitung zu Ferrara liegen schon drei Tote in drei Verwesungssta­dien nebeneinander. Aus dieser Legendenform bildet sich in Frankreich die Legende von den drei Lebenden und drei Toten heran. Unter dem Einfluss der Migne-Legende vom hl. Ma­carius, der nach einer alten Fassung aus dem IV. —V. Jahrhundert den Schädel eines längst gestorbenen Heiden über sein Schicksal in der Unterwelt befragt, wird die Legende von den drei Lebenden und drei Toten mit der Gestalt des Eremiten verbunden, der die herannahenden drei Könige auf die drei offenen Särge aufmerk­sam macht, oder der die Erscheinung der drei Toten den drei Königen in Vision sieht (wie im Streit der Seele und des Körpers). Die Erscheinung eines Toten kann zu vier verschiedenen Zwecken dienen. In der einfachen Gegenüberstellung des Toten einem Lebenden dient sie als Kunstmittel zur monologisierten oder dialogisierten Entfaltung des Gisant-Typ-Rades. Aus dieser Kunstform entstand die Legende von den drei Lebenden und Toten. Zahlreiche mit­telalterliche Legenden aber lassen den Toten von der Unterwelt auf die Oberwelt kommen und einem Lebenden erscheinen, oder einen Lebenden in die Unterwelt fahren (z. B. Pau­lus-Vision, Patricii-Hölle, Dante), einen Sterben­den noch am Totenbett von der Unterwelt zu­rückkehren, um das jenseitige Los der Guten und Sünder zu verkünden (samt der Gisant-Typ­Legende und Everymanlegende schon in der Geschichte vom hl. Barlaam und Josaphat vor­handen). Zum Zwecke des Jenseitsberichtes spricht Macarius mit dem Totenschädel und lässt im apokryphen Cyrillus-Brief des ausge­henden XIII. Jhs. der hl. Hieronymus auf das Gebet des hl. Cyrillus die soeben gestorbenen drei Jünglinge wieder ins Leben zurückkehren. Dieselbe, auf die Entwicklung der Gesamtlegen­de aussergewöhnlich einflussreiche Hieronymus­Legende belehrt uns, dass die Toten auch zu dem Zwecke erscheinen können, damit sie den le­benden Guten und Schlechten ihren nahen Tod voraussagen. Die vierte Erklärung, warum die To­ten den Lebenden erscheinen, gibt uns die Bas­ler Totenlegende, welche schon in den Wun­dergeschichten des XI. —XII. Jhs. und in der Legenda Aurea auftaucht. Die Toten sind hier Vollstrecker eines göttlichen Urteils, sie vertei­digen den Guten gegen seine Feinde und rä­chen sich an den Sündern. In einer Pariser Handschrift (Bibl. nat. ms. fr. 378) werden die drei Lebenden aber unter der Wirkung der Legende von Everyman und von seinen drei Freunden die Träger einer „Va­nitas" : u. zw. der „Vana potestas," „Vana pulchritudo" und „Vana juventus". Ebenso in ei­ner Münchener und Wolfenbüttler Handschrift (Taf. VIII. Fig. 8-9, 13-16.). In Wolfenbüttel werden die Toten die Vertreter einer „Nich tigkeit." Aber nicht nur die drei arabischen „Ei­telkeiten", die schon Lukianos erwähnt, werden auf die drei Lebenden übertragen, sondern auch die Geschichte Everymans wird mit der Ge­schichte der drei Könige verflochten, die in einem Kirchhof drei Tote erblicken. Auf den meisten Bildern ist einer der drei Könige Everyman. Durch die Betrachtung der drei Verwesungs­stadien und durch die Worte des Eremiten be­kehrt er sich, während seine beiden Freude ihn verlassen. Auf dem Legendenbilde in Cremona und Metz hat aber dieser sich bekehrende Everv-

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