Tanulmányok Budapest Múltjából 28. (1999) – Urbanizáció a dualizmus korában: konferencia Budapest egyesítésének 125. évfordulója tiszteletére a Budapesti Történeti Múzeumban

A VÁROSI ÁTALAKULÁS KÉRDÉSEI ÉS SZÍNTEREI - Sármány Parsons Ilona: Die Rahmenbedingungen für die 'Moderne' in den ungarischen Provizstädten um die Jahrhundertwende = A modernizáció kezdetei a vidéki városokban a századforduló Magyarországán 131-151

er landesweit berühmt wurde, in Nagyvárad seinen ersten Widerhall und viel Ermunterung gefun­den hatte. Aber in dieser Stadt gab es tatsächlich schon ein kulturförderndes Bürgertum und eine sensible Intelligenz, die sein Talent und Werk zu schätzen wußte. 73 Im Vergleich zu Temesvár hatte das kleinere Nagyvárad (1910 zählte es 64 169 Einwohner) kein vorwiegend deutsches Kulturerbe. Die verschiedenen Gruppen repräsentierten verschiedene Konfessionen und verschiedene Ethnien. 74 Die Stadt hatte eine Rechtsakademie, ein Faktor, der potentiell das geistige und politis­che Leben der Stadt stimulieren konnte. Sie war reich wie auch ihre Bürger und sehr stolz auf die EiTungenschaften des halben Jahrhunderts, seit dem sie (1851) wieder zur Stadt erhoben worden war. Sie war eine wichtige Handelsstadt, einerseits sehr typisch für die Partium-Städte, andererseits doch etwas außergewöhnlich, weil ihre Kultur - vielleicht wegen der besonders hohen Präsenz des Judentums - viel nervöser, sensibler, „neurotischer", sogar etwas hochtrabender war als jene in den übrigen Städten. 75 Auch wenn die Stadt Komitatsitz war (Zentrum des Komitats Bihar), ist sie für den in der Umgebung lebenden ungarischen Adel und Kleinadel nie so wichtig gewesen wie z. B. Szatmár oder vor allem Kolozsvár. Dieser Kleinadel gehörte großteils der calvinistischen Konfession an, aber in der Stadt waren unter Bürgern und Handwerkern die Katholiken in der Mehrzahl. Nagyvárad beherbergte seit der Barockzeit wieder einen katholischen Bischof. Zwei ho­he Würdenträger der katholischen Kirche, Bischof Arnold Ipolyi und Domherr Flóris Romer, waren in den 80er Jahren von besonderer Bedeutung für die Kultur der Stadt. Ihre wissenschaftliche Tätigkeit erweckte in den intellektuellen Kreisen der Region das Interesse an Archäologie und Kunstgeschichte. 76 Der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen ihr und den anderen, obenge­nannten Städten war aber der, daß Nagyvárad die höchste Zahl von jüdischen Einwohnern hatte: 1900 waren von 47 018 Menschen 12 111 mosaischen Glaubens, also 25,8% der Bevölkerung. Mit diesem Anteil stand die Stadt unter allen Munizipalstädten Ungarns an erster Stelle und überragte in dieser Hinsicht sogar die Hauptstadt Budapest. Die kulturelle Rolle des reichen Judentums von Nagyvárad war besonders in der Presse und in der Freimaurerloge entscheidend. Nicht nur in ihrer Eigenschaft als großzügige Mäzene, sondern auch als selbst schreibende Intellektuelle waren manche jüdische Familien im Bürgertum tonangebend. Sie mußten ihre Interessen und Meinungen gegenüber der Katholischen Kirche, aber auch gegen die konservativen calvinistischen Komitatspolitiker der Tisza-Lobby verteidigen. 1911 gab die jüdische Gemeinde von Nagyvárad ein Buch über die Errungenschaften der Várader Juden in Auftrag. 77 Die statistische Übersicht beweist, welche entscheidende Rolle sie nicht nur in der Wirtschaft der Stadt, sondern auch im Geistesleben gespielt hatten. 78 Dieses Judentum hatte eine ausgeprägte ungarische Identität, war liberal, geistig sehr offen und vom Moderni­sierungselan erfüllt. Die Freimaurerloge „László király" (König Ladislaus) war schon um 1900 politisch radikal gewesen und kämpfte in der Bischofsstadt für den staatlichen Volks Unterricht, für die Säkularisation des Kirchenvermögens, und später auch für das allgemeine Wahlrecht. Solche radikale politische Zielsetzungen erzeugten selbstverständlich enorme Spannungen zwischen fortschrittlichen und konservativen Gruppierungen der Stadt, und besonders durch die lokale Presse wurde der gesamte Gesellschaftsbereich politisiert. In diese sehr vielfältige, aber auch von Spannungen und Rivalitäten geprägte, politisch-geistige Atmosphäre, die damals schon durch poli­tische Intrigen und Machtkämpfe aufgeheizt war, drang am 1. Jänner 1900 der begabte, aber noch unbekannte Journalist und Dichter Endre Ady ein. 79 Er kam vom konservativen calvinistischen Debrecen und wurde in Nagyvárad für die wichtigsten politischen und kulturellen Fragen der Zeit sensibilisiert. Der Kontrast war für ihn enorm. „Die Stadt des Blutes"" 0 hat seinen Horizont erweit­ert, seine politische Meinung geschärft und ihm geholfen, sein wahres Wesen zu finden. Die poli­tisch so stürmischen Jahre zwischen 1901 und 1903 brachten Dynamik in der Journalismus. Ady wechselte vom Regierungsblatt Szabadság (Freiheit) zur Tageszeitung den Opposition Nagyváradi Napló (Nagyváradéi- Journal) und wurde bald zum radikalen Kritiker. Es gab einen landesweit 144

Next

/
Oldalképek
Tartalom