Póczy Klára: Forschungen in Aquincum 1969- 2002 (Aquincum Nostrum 2. Budapest, 2003)

6. Die Wirtschaft Aquincums im Spiegel der neuen Funde - 6.1. Lokales Gewerbe und Handel (Klára Póczy, Paula Zsidi)

verzierten Gefäße produziert (MARÓTI 1991, 384—386). Ihr charakteristisches Dekor war neben den üblichen Pflanzenmustern die geflügelte, einen Kranz haltende Victoria sowie eine Vogelgestalt. Zu den Aufgaben der beiden Werkstätten gehörte über die Deckung des Bedarfes der lokalen Ein­wohnerschaft hinaus gewiss auch die Versorgung eines nahe gelegenen (bislang noch nicht erschlos­senen) Alenlagers (PÓCZY-ZSIDI 1992, 37). Dieser Umstand muss deshalb betont werden, weil allein im Raum Aquincum - zusammen mit den beiden obigen - rund ein halbes Dutzend Töpfereien beinahe gleichzeitig in Betrieb war: Kiscelli utca, Selmeci utca, Aranyárok, Budaújlak (PÓCZY 1956, PÓCZY-ZSIDI 1992, VÁMOS 2002). Jede dieser Werkstätten hat — vermut­lich im vicus militaris jeweils eines Alenlagers produziert und - das Militär mit Waren ver­sorgt. Uberwiegend stellten diese Manufakturen ein und dieselbe Gebrauchskeramik her. Doch wie die Verzierungen der anspruchsvolleren Stü­cke verraten, arbeiteten sie alle selbständig bzw. nach den Mustervorlagen jeweils anderer Pro­duktionszentren. Zur Mannschaft der Mitte des 1. Jahrhunderts entlang der Donau bestehenden Militärlager gehörten natürlich auch Handwerker. Und obwohl diese auch ihre Werkstattausrüstung mitgebracht hatten, bezogen sie am neuen Ort ihrer Betätigung auch einheimische Fachleute in die Produktion ein. Aquincum befindet sich in der glücklichen Lage, die Spur annähernd zeitgleicher Werkstattausrüstungen mehrerer AuxÜiarverbände und einer Legion verfolgen zu können. Aus dem Vergleich der Werkstattausrüstungen geht eindeu­tig hervor, daß die Mode zwar einheitlich itali­scher Inspiration unterlag, jeder Verband aber die lokalen Einflüsse seines vorangehenden Standortes bewahrt hat. Den großen Umschwung brachte die ständige Stationierung der Legion. Ab diesem Zeitpunkt ist Serienproduktion sowie zur Abdeckung des Bedarfs der Bautätigkeit die Herstellung von Baukeramik zu beobachten. An den Waren aus der Manufaktur beim Militärlager von Óbuda (Bécsi út) spiegeln sich die applizierten Motive bzw. Marmorimitati­onen des italischen Töpferhandwerks, aber auch der traditionelle lokale Stil mit Stempelverzierun­gen wider (PARRAGI 1971/1, PARRAGI 1976/2). Als neues Produkt erschienen damals in der loka­len Keramikherstellung die Tonlampen. Diese von der einheimischen Bevölkerung vor den Römern nicht benutzten Lichtquellen gelangten, früher als man vermutet, als italische Importe nach Aquin­cum. Ein schönes Beispiel für diesen Import ist die von einer Officina in Modena hergestellte Firmenlampe, deren Diskus ein Relief ziert. 8 Die ersten vor Ort hergestellten Firmenlampen waren ebenfalls Fabrikate der Werkstatt in Óbuda (Kis­celli utca). Die mit Schild versehenen Lampen in der Form von Gladiatorhelmen ahmten italische Vorbilder nach (L. NAGY 1942/1, 628). Später dienten importierte Lampen meist nur noch als Muster für die lokalen Produkte, bei deren Her­stellung die südwestpannonischen Werkstätten (vor allem die Werkstatt in Poetovio) eine große Rolle gespielt haben dürften. 9 Auch eine andere typisch römische Gefäßform - die Reibschüssel - findet man als Neuheit im Sortiment der Werkstatt. Am Rand zweier Reibschüsseln nennt ein Stempel den Namen des Fabrikanten oder eventuell seines Angestellten: LONGIAIIGEMFIL und MARTIFE (POCZY 1956). Die Resultate der an den Gegen­ständen vorgenommenen Materialuntersuchungen deuten vorerst nicht auf lokale Fabrikate hin (ZSIDI-BALLA 2000). Die andere wichtige Töpferwerkstatt des Zeit­raums lag westlich der späteren Zivüstadt (Arany­árok-Militärdepot, PÓCZY 1956). Sie versorgte die hier vor dem Municipium existierende Sied­lung (den jüngsten Forschungen zufolge vermutlich eine Militäranlage) 10 mit Waren. Die typischsten Produkte der Manufaktur waren Volutenlampen, von deren Herstellung ein Dutzend Muster zeugt. Obwohl diese Werkstatt nur relativ kurze Zeit, 8 In der Militärstadt von Aquincum kam vor einiger Zeit das genaue, lokal produzierte Pendant dieser Lampe zum Vor­schein: PÓCZY-ZSIDI 2001, 141. 9 Zsidi P., North Italian influences on the oil lamp products of early Aquincum potters. Acta 38, RCRF Konference in Rome, 2002, i. D. 10 Vgl. mit dem Abschnitt „Baugeschichtlicher Abriss der Zivilstadt" (5.4.3.).

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