Budapest Régiségei 34. (2001)
STUDIEN = TANULMÁNYOK - Ronke, Jutta: Eine Freiermord-Szene in Raetien? 223-234
JUTTA RONKE EINE FREIERMORD-SZENE IN RAETIEN? ..."Die Arbeit hat keinen Kunstwerth, jedoch ist der Stein von historischer Wichtigkeit"... (F. von Mulzer, Verh. hist. Verein Niederbayern I, 1846, 64) /. EINFÜHRUNG Durch Verpflichtungen und verschiedenste widrige Umstände lange von seinem Zuhause ferngehaltener, nicht unvermögender Ehemann kehrt unentdeckt zurück, l findet aber Haus und Hof belagert von über 100 Geschlechtsgenossen, die allesamt auf die Hand seiner praesumptiven Witwe bzw. die Übernahme seines Vermögens optieren - so würde, auf eine Meldung von Presseagenturs - wenn nicht sogar Boulevardzeitungsniveau "eingedampft", der Inhalt des dramatisch-blutigen 22. Gesanges der Homerischen Odyssee lauten, der den Ausklang des Epos überhaupt einleitet. Generell kann davon ausgegangen werden, daß Darstellungen der literarisch vorgegebenen Freiermord-Szene in der antiken Kunst eher selten zu finden sind. Dies bewahrheitet sich angesichts der jüngsten Zusammenstellungen. 2 Bei unserem gegenwärtigen Kenntnisstand begegnen insgesamt 14 szenische Wiedergaben aus dem Bereich der griechisch-etruskischen Kunst. Ihnen stehen lediglich 3 der römischen Kunst entstammende Szenen gegenüber, 3 darunter - wie es scheint - kein Beispiel aus dem provinzialrömischen Kunstschaffen und seinem Umfeld. Dem Kunstschaffen in den Provinzen des Imperium Romanum nun entstammt ein bislang relativ unbeachtetes Relieffragment, das möglicherweise die entsprechende Episode thematisieren könnte (Abb. 1 u. 2). Obschon sich einem schnellen Zugang immer wieder verschließend, wird es in der jüngeren Literatur durchaus als "freiermordverdächtig" eingestuft. 4 Es stellt sich also die Aufgabe, das Relief daraufhin zu überprüfen, ob es tatsächlich unter die Freiermordszenen zu rechnen ist; die nachfolgenden Darlegungen verfolgen mithin im wesentlichen eine ikonographische Zielrichtung. Der Untersuchung der Frage, ob hier wirklich eine Illustration des FreiermordGeschehens überliefert ist, seien Überlegungen zur Funktion des Reliefs und zu seiner chronologischen Einordnung angeschlossen. Das Relieffragment wird heute in der Sakristei der kleinen Kirche St. Nikolaus im Weiler Weinberg (in der Gemeinde Dietersburg, Ortsteil Baumberg, Landkreis Rottach-Inn/Niederbayern; ca. 60 km südwestlich von Passau gelegen) aufbewahrt. St. Nikolaus liegt direkt am Ortsausgang in Richtung Vilshofen östlich auf der Höhe. 5 Im Zuge von Restaurierungsarbeiten, die im Jahre 1973 durchgeführt worden sind, wurde das Relief in das Gebäudeinnere versetzt und in die untere Hälfte der südwestlichen Innenwand der Sakristei eingelassen. 6 Im übrigen scheint dieser "römische Skulpturstein" 7 eine Art eigener Odyssee hinter sich gebracht zu haben: Angeblich seit der Erbauung des spätgotischen Chores in der 2. Hälfte des 15. Jh.n.Chr. bis zum Zeitpunkt der Instandsetzungsmaßnahme in dessen östlicher Außenseite vermauert, 8 wird abweichend auch tradiert, daß Pfarrer Joseph Haller in Waldhof den "Denkstein in einer Kapelle bei Baumgarten" aufgefunden habe, 1846 finde sich aber dieser Stein, im gräflich von Arco'schen Schloße zu Baumgarten an der Stiege eingemauert". 9 Das Relief wurde bereits 1764 erstmals erwähnt, es begegnet ausfürlicher 1846 in den Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern. (Abb. 1) Im frühen 20. Jh. erfuhr es kurzfristig verstärkte Aufmerksamkeit. Den damaligen Forderungen nach allumfassender Berücksichtigung bei der Inventarisation Rechnung tragend, wurde es sogar vom entsprechenden bayerischen Kunstdenkmäler-Band berücksichtigt. 10 Zwischenzeitlich fand es Eingang in den entsprechenden Band des CSIR 11 sowie letzthin in eine Dissertation zur Ländlichen Besiedlung im östlichen Raetien in der römischen Kaiserzeit. 12 /7. BESCHREIBUNG DES RELIEFS Das "Relief mit Kampfszene" 13 (Abb. 2) besitzt eine Höhe von 1, 11 m, eine Breite von 0, 89 m bei einer Relieftiefe von 5-7 cm 14 und besteht aus dichtem, hartem hellbraunem Kalkstein mit rotbraunen und weißen Einschlüssen. 15 Innerhalb des hochrechteckigen, minimal gebogenen, leicht unregelmäßig geformten, von einem schmalen, leistenförmigen Rahmen umgebenen Bildfeldes findet sich die Wiedergabe eines szenischen Geschehens, dessen charakteristische Grundzüge sich erhalten haben. Die rechte Hälfte des Bildfeldes nehmen zwei stehende, nach rechts gewandte Männer ein. Einer von ihnen hält ein bauchiges, standringloses Gefäß mit deutlich erkennbarem trichterförmigen Rand (Abb. 3), der andere einen Hocker mit leicht nach außen geschwungenen Beinen und profiliert ausgearbeiteter Sitzplatte vor sich in die Höhe (Abb. 4). Beide sind nahezu übereinstimmend mit einem kurzen, übergegürteten, ärmellosen Chiton bekleidet. Er wird nach Art einer Exomis getragen, 16 d.h. ist in diesem 223