Budapest Régiségei 30. (1993)

VALLÁS = RELIGION - Zsidi Paula: Zur Verehrung der Minerva in Aquincum = Minerva aquincumi tiszteletéhez 185-207

Die oben aufgezählten Terrakotten waren an­spruchsvoller ausgeführte, größere „Werke". Bis heute aber fehlen im Fundkomplex von Aquincum die ganz­gestaltigen Kleinskulpturen anspruchsloserer Ausfüh­rung , deren die Göttin Venus darstellende Exempla­re von dort gut bekannt sind. Letztgenannter Typ der Votivplastiken und Götterdarstellungen entspricht dem von der ansässigen Einwohnerschaft keltischer Abstammung ausgeübten Kult besser. Aufgrund dessen scheint es, daß Minerva an keinen der „Haupt­götter" der örtlichen Ureinwohner ein engeres Band knüpfte, und daß die Verehrung der Göttin auch im Kreise der Bürgerschaft eher „importiert" gewesen sein dürfte. * Interessant ist darüber hinaus ein Blick auf jene Denkmäler von Aquincum, die zwar nicht mit dem Kult in Verbindung stehen, aber etwas über den Kreis der Beliebtheit und Popularität der Göttin verraten. Erwähnung verdient vor allem ein Brustpanzer, der in Aquincum zum Vorschein kam. (Abb. 27) Auf dem aus Bronzeblech gefertigten Brustpanzer hatte der Meister neben Minerva die Büsten der Göttinnen Roma und Virtus plastisch ausgearbeitet. Die Rolle des Roma-Kults in Aquincum wurde on der Fachlite­ratur bereits ausgewertet. Anhand eines Beispiels aus Brigetio wäre denkbar, daß Minerva ihren Platz auf dem Panzer gerade den lokalen Ansprüchen zu verdanken hat. Ebenfalls erwähnen möchten wir die Inschrift eines Sarkophags mit Gedicht, die den Sterblichen Minervas "reiche und fruchtbarmachende" Gaben wünscht. Und schließlich einige „negative" Ergebnisse. Auf den Öllampen von Aquincum ist Minerva interessan­terweise nicht dargestellt. Auch im Musterschatz, unter den Motiven der Töpfersiedlung am Fundort Gázgyár findet man keine eindeutige Minerva-Dar­stellung , obwohl es von diesem Fundort einen unbe­streitbaren Beweis für die Popularität der Göttin gibt. Die Erklärung dessen ist vermutlich darin zu suchen, daß sich die Keramikmanufaktur bei der Ge­staltung ihrer Fabrikate in erster Linie an den Ansprü­chen eines breiten Abnehmermarktes orientierte. Wie oben bereits darauf verwiesen wurde, sind Minerva­Darstellungen unter den zum Kreise der religiösen Denkmäler gehörenden Votive aus Blei ebenfalls un­bekannt , und zu demselben Resultat gelangten wir im Falle der kleinen, anspruchsloser ausgeführten, ganzgestaltigen Terrakotten. Um über die Verehrung der Minerva von Aquin­cum endgültige Schlußfolgerungen abzuleiten, lohnt ein kurzer Ausblick auf den Minerva-Kult anderer, westlich von Pannónia gelegener Gebiete. Im be­nachbarten Noricum wird ihre Verehrung durch die Gestalt der Göttin Noreia Isis getrübt. Die erhaltenen Minerva-Denkmäler heben in erster Linie die Rolle der Göttin als Schutzpatronin der Stadt hervor, wobei die zu Ehren von Minerva Sul und Minerva Belisama errichteten Denkmäler darauf hindeuten, daß man sie auch mit lokalen Göttern identifizierte. Wie die aus Germania bekannten Angaben zeigen, wurde Minerva vor allem von den Legionen in Obergermanien ver­ehrt, und im Kreise der Legio XXX hatte sie einen besonderen Kult. Während der Minerva-Kult bei dem in Untergermanien stationierten Militär nahezu unbekannt war, verehrte sie dort die Zivilbevölkerung, wenn auch in geringerem Maße. In Köln beispiels­weise, wo sich ihr Kult noch am ehesten nachweisen läßt, war sie hauptsächlich bei den Schichten der Handwerker und Gewerbetreibenden beliebt. In Gallia wurde sie, neben dem Fruchtbarkeitskult, eben­falls in ihrer Rolle als Schutzgöttin verehrt, wie das zahlreiche kleine Votivgegenstände aus Terrakotta be­weisen. In der Provinz Hispánia ist ihr Kult in erster Linie aus den besser romanisierten Städten bekannt. Die Zivilbevölkerung verehrte Minerva in der Zeit vom 1. Jahrhundert bis zur Herrschaftszeit des Kaisers Caracalla. Häufig wird sie zusammen mit lokalen Göt­tern erwähnt. Ihr Kult war bedeutender als der der Juno, ebenso wie in Britannia. Hier hatte die Göttin ihre Beliebtheit eindeutig ihrer Identifizierung mit den lokalen Göttern keltischer Abstammung zu verdanken. Man denke nur an den Tempel der Minerva Sulis in 79 Bath, von dem auch historische Quellen berichten. Zusammengefaßt: Unseren gegenwärtigen Kennt­nissen zufolge erscheinen die der Minerva geweihten Denkmäler in Aquincum nach der Mitte des 2. Jh., eher jedoch vom letzen Drittel des 2. Jh. an, und ihre Spur läßt sich bis spätestens zur Mitte des 3. Jh. ver­folgen. Nach den verfügbaren Funden zu urteilen, zoll­te man der Göttin im Rahmen der offiziellen Staats­religion von Seiten der Führungsschicht der Provinz sowie beim Militär Verehrung. Davon zeugen die Al­täre mit Inschriften. Auch im Kreise der zivilen Ein­wohnerschaft kann ihre Verehrung vorwiegend mit den reicheren und damit eine führende Rolle spielen­den Schichten verknüpft werden. Hier äußerte sich der Kult, wie die Denkmäler zeigen, in weniger offi­on zieller Form und ungebundener. Innerhalb der Mit­telschicht wurde Minerva hauptsächlich von Handwer­kern und Gewerbetreibenden verehrt, und da ihr Kult - vorerst mangels Befunden - nicht an lokale Vorläu­fer zu binden ist, muß dessen „Import" angenommen werden. Als „Exporteur" kommt, betrachtet man den Charakter des Kults, in erster Linie das Rheinland in Frage. Es scheint also, daß zu den zahlreichen rhein­ländischen Beziehungen, die aus Aquincum gegen­wärtig bekannt sind, eine weitere hinzukommt. Eine selbständige Kultstätte der Göttin kam bis­lang nicht ans Tageslicht , -auffällig ist jedoch das Fehlen der mit ihr verbundenen Denkmäler vom Ge­biet des Legionslagers. Ausgehend von der Konzen­tration der Funde aber gilt als wahrscheinlich, daß es solche Kultstätten gab (Abb. l.d). An der Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert erfüllte die oberste Führung der Provinz ihre der Göttin bzw. den mit ihr zusammen erwähnten Göttern abgelegten Gelübde im Nordost­teil der Militärstadt, an der Heiligtum des ,jjraetori­188

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