Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)

SCHARR, Kurt: Österreichische Archivalien in der Ukraine (Galizien und der Bukowina)

Rezensionen Leistungsanreize bzw. -Sanktionen kannte. Des Weiteren stellt er die hohe Vielfalt und Elastizität von Entlohnungs- und Umgangsformen mit den langen, aber wenig komprimierten Arbeitszeiten dar, deren zahlreiche Pausen mit zusätzlichen Geldgaben zu „Flickwerk“ oder „Posselarbeit“ umgemünzt werden konnten. Doch wäre gerade aufgrund dieser Vielfalt eine stärkere Aggregation der Ergebnisse wünschenswert gewesen, da das Gesamtbild etwas „posselig“ geblieben ist und kaum Aussagen zu übergreifenden ökonomischen Prozessen zulässt. Auch stellt sich die Frage, ob die Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts als Theoriebezug ausreicht, zumal es an neuen Ansätzen nicht fehlt. Vermutlich mit Bourdieu und ein wenig Elias hat hingegen Erhard Chvojka versucht, Pünktlichkeit als soziales Kapital auszuweisen, durch das sich die frühneuzeitliche Stadt als Hort von Zivilisation und Moral stilisierte. Das selbst gewählte Zeitdiktat der Stadtuhr wird dabei als Symbol städtischer Lebensweise untersucht, das nicht nur den Alltag strukturierte und ein Element der „guten Polizey“ war, sondern auch für die kommunale Identität bedeutsam war. Pünktlichkeit habe seit dem 16. Jahrhundert bei Marktzeiten, Ratssitzungen, Schließung der Stadttore, Sperrstunden, Messfeiem und vor allem bei Zunftzusammenkünften eine wichtige Rolle gespielt, die auch zeremoniell überformt worden sei. Dadurch habe sie als „symbolische Norm“ in der Volkskultur, insbesondere im zünftischen Ehrenkodex Eingang gefunden, mit bis zur zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ausgesprochen rigiden Zügen. Während Unpünktlichkeit monetär sanktioniert, mit einem zügellosen Leben gleichgesetzt und mythisch gebannt wurde, sei Pünktlichkeit mit einer moralisch korrekten, in Anspielung auf Elias „zivilisierten“ Lebensweise gleichgesetzt worden. Die Begriffsverwendung des Autors lässt jedoch offen, ob Pünktlichkeit lediglich als Symbol, das für Ehre, Moral, Zivilisation etc. steht, oder tatsächlich als „symbolisches Kapital“ zu verstehen ist. Wenn aber das Bourdieuschen Symbolkapital gemeint ist, dann bleibt unklar, auf welche Weise dieses (demnach kulturelle) Kapital zirkulierte, wieder in soziales und ökonomisches Kapital transformiert wurde. So hat die inflationäre Verwendung des Symbolbegriffs leider nicht zur Klarheit der interessanten Ausführungen beigetragen. Glänzend geschrieben und reflektiert formuliert ist der darauf folgende Artikel „Das alte System der Großväter und die neue Zeit. Zeitverdichtung und Beschleunigung während der Industrialisierung“, von Helmut Lackner, der die Veränderung der Wahrnehmung von Zeit im Industrialisierungsprozess beschreibt. Ausgangspunkt der Darstellung ist die Dynamisierung von Gesellschaft, die in der Aufklärung als Fortschritt ideell und durch die Ausbildung eines komplexen Zeitnetzes soziostrukturell begründet worden ist. Eine immer größere Zahl von Parallelprozessen musste synchronisiert werden, so dass auch die Anforderung an Zeitdisziplin und Tempo stiegen. Exemplarisch zeigte sich dieses Phänomen am Eisenbahnverkehr, in der Geschwindigkeit zum Anliegen und Pünktlichkeit zum Problem technischer und menschlicher Zuverlässigkeit wurden. Ähnliches vollzog 358

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