Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)

SCHARR, Kurt: Österreichische Archivalien in der Ukraine (Galizien und der Bukowina)

Rezensionen auch bewusst war und der nicht nur mit biedermeierlichem Gefühlsschwang zu erklären ist. Dem jungen Schüler und Studenten werden Kirschen und Brot geschickt, die Schwestern sehnen sich nach ihm. Die Brüder wünschen ihren Schwestern eine glückliche Partie, und ein ungeliebter Freier wird von den Brüdern fortgeekelt, bis die Schwester einen guten Mann bekommt. Fast ebenso intensiv lernen wir eine zweite Familie kennen, in die Kudlichs um 14 Jahre älterer Bruder Joseph Hermann, später Abgeordneter nach Frankfurt, einheiratet und bei der er auch seinen Bruder Hans unterbringt. Diese Familie ist gut bürgerlich und überschreitet die Schwelle zum Grundbesitz. Die Väter der beiden Familien, der wohlhabende Bauer und der bürgerliche Notar, der ein Gut erwirbt, finden einander. Die schönsten Briefe stammen von Luise Eltz, der gleichaltrigen Schwägerin Hans Kudlichs. Hans hat die Braut und Frau des Bruders offensichtlich auch verehrt, ganz der Stoff für einen Briefroman. Sie revanchiert sich, indem sie Hans, der sein juridisches Studium vernachlässigt, nur der Tumerei und der Politik frönt, möglicherweise aber auch depressive Phasen hat, brieflich so eindringlich und mit meisterhaftem psychologischen Einfühlungsvermögen zusetzt, dass er tatsächlich sein erstes Rigorosum schafft (das zweite fällt der Revolution zum Opfer). Dieser Brief Luises (Nr. 147), der auch noch eine köstliche und ausführliche Beschreibung einer schlesischen Bauernhochzeit enthält, würde jedem Lesebuch zur Ehre gereichen. Es gibt sehr viele Briefe von Frauen: Mutter, Schwestern, Schwägerin, alle schreiben, immer wieder beklagen sie, dass Hans so selten schreibt, aber das dürfte auch ein Topos sein, der von Freunden und von Kudlich selbst häufig verwendet wird, nicht nur in Bezug auf ihn. Es zeugt vom großen Kommunikationsbedürfnis in dieser Zeit. Ganz anders im Stil sind die Briefe der Studentenkommilitonen, auch die Briefe der Brüder Joseph und Hans. Studentische Scherze, lateinische Zitate, intensiver Nachrichtenaustausch über Personen, gedrängte politische Ansichten sind hier zu finden. Ein zweiter Schwerpunkt sind die Briefe von Hans an Joseph Hermann aus dem Schweizer Exil zwischen 1849 und 1853. Zum Verlust der Heimat und der geliebten Menschen kommen finanzielle Sorgen und die Enttäuschung über die politische Entwicklung in Österreich und in Europa. So reift der Plan, nach Amerika auszuwandem. Die Heimat wäre, so tröstet und betrügt sich der nunmehrige eifrige Medizinstudent, mit dem Schiff rasch wieder zu erreichen, aber der Abschied zerreißt doch das Herz. Noch lange später ist das Heimweh zu spüren (Nr. 222, 223, Anhang Nr. 16). Der dritte Schwerpunkt, wieder völlig anders geartet, sind die Briefe aus Amerika nach 1867, als der zum Tod Verurteilte amnestiert wurde und eine Rückkehr überlegte. Doch die inzwischen eröffnete erfolgreiche Arztpraxis in Amerika, die neun Kinder, die er mit seiner im Exil geheirateten Schweizerin Luise (!) hat, und die realistische Einschätzung der geringen politischen Möglichkeiten, die er als nunmehriger Atheist und überzeugter Republikaner in Österreich hätte, verhindern 354

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