Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)
REBITSCH, Robert: Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644
DER KAISERLICHE FELDZUG IN DAS HERZOGTUM HOLSTEIN IM JAHRE 1644 Zur Geschichte einer militärischen Katastrophe Robert Rebitsch 1. Die militärisch-politische Lage Nachdem Kaiser Ferdinand III.1 seit Jahren unangenehme militärische Niederlagen hinnehmen musste, standen Ende des Jahres 1643 die Zeichen für die kaiserlich-bayerische Partei eigentlich unerwartet gut. Der tüchtige, im Dienste des Kurfürsten Maximilians I. kämpfende, aus Lothringen stammende Feldherr Franz Freiherr von Mercy konnte den Franzosen am 24. November 1643 bei Tuttlingen eine empfindliche Niederlage zufügen.2 Die französische Armee musste sich daraufhin an den Rhein zurückziehen. Die Gefahr aus dem Westen schien - zumindest für einige Zeit - gebannt. Obzwar Frankreichs Truppen noch einige Monate zuvor mit dem Erfolg gegen die Spanier bei Rocroi (19. Mai 1643)3 einen glänzenden Sieg feiern durften, konnte nichts darüber hinwegtäuschen, dass das Königreich von inneren Krisen und Aufständen mitgenommen war. Am 4. Dezember 1642 starb der große Gegner der Casa de Austria, Armand Jean du Plessis, Kardinal Richelieu, nur einige Zeit später, am 14. Mai 1643, der französische König Ludwig XIII. Beide Männer verfolgten zu ihren Lebzeiten den gleichen, einen schon auf das frühe 16. Jahrhundert zurückgehenden Plan: die Macht des Hauses Habsburg, das den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches sowie den spanischen König stellte und somit Frankreich geradezu einzukreisen schien, empfindlich zu schmälern und seine europäische Hegemonie zu brechen.4 1 Zum Habsburger, Sohn Ferdinands II., vgl. Repgen, Konrad: Ferdinand III. (1637-1657). In: Die Kaiser der Neuzeit 1519-1918. Heiliges Römisches Reich, Österreich, Deutschland. Hrsg, von Anton Schindling und Walter Ziegler. München 1990, S. 142-167. 2 Zu den Feldzügen des fähigen bayerischen Feldmarschalls Mercy vgl. Heilmann, Josef: Die Feldzüge der Bayern in den Jahren 1643, 1644 und 1645 unter den Befehlen des Feldmarschalls Franz Freiherm von Mercy. Leipzig-Meißen 1851 und derselbe: Kriegsgeschichte von Bayern, Franken, Pfalz und Schwaben von 1506 bis 1651. Bd. n/2. Abteilung: Kriegsgeschichte und Kriegswesen von 1598-1651, München 1868, S. 655-650. 3 Dazu vgl. Guthrie, William P. : The later Thirty Years War. From the Battle of Wittstock to the Treaty of Westphalia (= Contributions in Military Studies 222. Westport, Connecticut-London 2003). S. 157-196. 4 Zum Kampf um die europäische Vormachtstellung vgl. Kohler, Alfred: Das Reich im Kampf um die Hegemonie in Europa 1521-1648. (= Enzyklopädie deutscher Geschichte 6. München 1990), Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52/2007 31