Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)
RUTKOWSKI, Ernst: ... ein schneeweißer Rehbock mit hellblauen Lichtern ... Aus den Briefen des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand an die Gräfin Marie von Thun und Hohenstein, geb. Gräfin Chotek
... EIN SCHNEEWEISSER REHBOCK MIT HELLBLAUEN LICHTERN ... Aus den Briefen des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand an die Gräfin Marie von Thun und Hohenstein, geh. Gräfin Chotek ERNST RUTKOWSKI Es ist das Schicksal historisch bedeutender Persönlichkeiten, dass ihre Biographien nach einiger Zeit überholt erscheinen. Das liegt durchaus nicht immer an der Qualität früherer Werke, die schon deshalb ihren Wert behalten, weil sie mitunter Quellenmaterial verarbeiteten, das späteren Autoren nicht mehr zur Verfügung steht. Häufiger liegt der Fall vor, dass Quellen publiziert werden, die neue Gesichtspunkte zur Beurteilung des Charakters dieser Persönlichkeit, ihres Umfeldes und der Ereignisse bieten, mit denen sie konfrontiert wurde und mit denen sie sich auseinandersetzen musste. Beide Varianten liegen beim Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand vor. Leopold Chlumecky1 konnte sich auf Material stützen, das Rudolf Kiszling2 nicht einsehen konnte; er vermochte es nur indirekt, nämlich aus dem Werk Chlumeckys, zu benützen. Den zahlreichen Hinweisen, die ihm das Archiv Franz Ferdinands bot, ging er nur nach, wenn ihm die verwahrenden Archive sozusagen vor der Haustüre lagen. So entgingen ihm die Briefe Franz Ferdinands an Rüdiger Freiherr von Biegeleben, die sich damals (vor 1953) noch in Privatbesitz auf Schloss Sigmundslust in Tirol befanden, wo man ihn gerne hätte Einsicht nehmen lassen. Ganz zu schweigen natürlich von Reisen in ausländische Archive, die altersbedingt zu mühsam und vielleicht auch zu kostspielig gewesen sein mochten. Die Zeiten haben sich gewandelt, aber nicht zum Besseren. Von einzelnen bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, herrscht geradezu eine Aversion, sich der allerdings zeit- und arbeitsaufwendigen Sammlung von wertvollen historischen Quellen zu widmen. Kommt aber einmal eine solche zustande, wird sie von Institutionen schubladiert, die sehr wohl zur Veröffentlichung berufen wären. Angesichts solcher Tatsachen von einem Fortschritt der historischen Forschung zu sprechen, erscheint sehr fraglich. 1 Chlumecky, Leopold von: Erzherzog Franz Ferdinands Wirken und Wollen. Berlin 1929. 2 Kiszling, Rudolf: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este, Leben, Pläne und Wirken am Schicksalsweg der Donaumonarchie. Graz-Köln 1953. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52/2007 247