Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

AUGUSTYNOWICZ, Christoph: „Ablegations-negocien von keiner erhöblichkeit“? – Wirken und Wirkung der Moskauer Großgesandtschaft in Wien 1687

Christoph Augustynowicz anlässlich der Eroberung Budas30 tatsächlich einen Brief von einem hohen Beamten der Hohen Pforte erhalten, dessen Übermittlung den Gesandten in Aussicht gestellt wurde. Auf das Angebot, den Anführer der calvinistisch-antihabsburgischen Mal- kontenten-Partei in Ungarn, Imre Thököly31, gegen einen Friedensschluss einzutau­schen, sei man nicht eingegangen. Offensichtlich nahmen die Moskauer Gesandten diese Ausführungen zur Kenntnis. In ihrer Finalrelation findet sich ein Verweis auf die Korrespondenz zwischen dem Großvezir Bassa und dem Hofkriegsratspräsiden­ten, aus der hervorginge, dass die kaiserliche Seite eine Separatfrieden deutlich ablehnte.32 Erst die dritte Konferenz am 15. April33 war von gesteigerter politischer Aufmerk­samkeit auf beiden Seiten geprägt. Diesmal übernahm der Reichsvizekanzler per­sönlich die Leitung. Seremetev stellte ganz explizit die Frage, ob der Kaiser einen Frieden mit der Hohen Pforte schließen würde, ohne seine Bündnispartner zu in­formieren. Königsegg antwortete vergleichsweise vage: Er wisse nicht, ob der Kai­ser einen Gesandten der Hohen Pforte empfangen würde. Auf jeden Fall würde er vorher die Mitglieder der Heiligen Liga informieren. Noch deutlicher als in den früheren Konferenzen verliehen die Moskauer Gesandten ihren Ausführungen Nachdruck. Caadaev erinnerte nun sehr gezielt an die Ausübung des katholischen Ritus und die Anwesenheit von Jesuiten in Moskau. Wieder waren die Mitglieder der kaiserlichen Kommission in die Defensive gedrängt: Sie mussten eingestehen, dass die Jesuiten in Moskau gut behandelt würden, verlangten aber eine schriftliche Bestätigung dieser Konzession. Angesichts des offensiven Vorgehens der Moskauer war das Verhalten der kaiser­lichen Politiker nicht geeignet, ihre Verhandlungsposition zu stärken: Selbst die Eroberung Budas wurde vom Misstrauen und der Skepsis der Moskauer überschat­tet; aus Polen-Litauen trafen Nachrichten über rege Aktivitäten der französischen 30 Zum Feldzug um Ungarn siehe Eickhoff, Ekkehard: Venedig, Wien und die Osmanen. Umbruch in Südosteuropa 1645-1700. Stuttgart 1988, S. 416-421; zum speziellen Aspekt der Beteiligung des um eine eigenständige Politik bemühten Dubrovnik siehe ZI a tar, Zdenko: The Republic of Dub­rovnik and the Origins of the Eastern Question. New York 1992 (=East European Monographs 348), S. 150-162. 31 Der ungarische Adel hatte sich gegen die katholisch-absolutistische Politik des Hauses Habsburg erhoben und war in seinen Bestrebungen seit 1679 verstärkt durch Frankreich unterstützt worden, vgl. dazu die Zusammenfassung bei Stranzl: Osteuropapolitik. S. 153-170. 32 Pamjatniki 7 Sp. 142-144; die tatsächlich übermittelte Korrespondenz ist bedeutend umfangreicher, vgl. Selim Bassa an Hermann Markgraf von Baden, lateinische Übersetzung von Alexander Mavro- kordat, bei Belgrad 1687 Februar 25, Kopie, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, April 1687, fol. 81 '-82'; Selim Bassa an Hermann Markgraf von Baden, bei Peterwardein o. D., Kopie, 83/86', deutsche Übersetzung ebenda fol. 84'-85v; im Namen des Hermann Markgraf von Baden an Selim Bassa, Wien 1687 Jänner 17, Kopie ebenda fol. 87 und 92', deutsche Übersetzung ebenda 88’-90r. 33 Protokoll der Konferenz mit den Moskauer Gesandten, Wien 1687 April 15, HHStA Wien, Russ­land I, Kart. 15, April 1687, fol. 67'-73v; wesentlich umfangreicher und auf die bekannte Vorge­schichte insbesondere seit 1684 zurückgreifend ist die russische Version, vgl. Pamjatniki 7 Sp. 144- 170. 50

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