Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 49. (2001) - Quellen zur Militärgeschichte – 200 Jahre Kriegsarchiv

Rainer Egger: Zur Einführung

ZUR EINFÜHRUNG Rainer Egger Genau genommen begeht das Kriegsarchiv gleich zweimal ein „rundes“ Jubilä­um: 1711 erfolgte die erste Gründung eines militärischen Archivs für die habsburg­ischen Länder, des „hofkriegsrätlichen Kanzleiarchivs“, das unter der Ägide des Hofkriegsratspräsidenten Prinz Eugen von Savoyen entstand und dessen erster Archivar den Auftrag erhielt, das ihm anvertraute Archivgut so zu ordnen, dass er „stante pede“ Auskunft geben könne. Und 1801 war es wieder ein Hofkriegsratspräsident und bedeutender Feldherr, nämlich Erzherzog Carl von Österreich, der die Gründung des Kriegsarchivs als Organ des General-Quartiermeisterstabes zu einem Bestandteil seiner Armeereform machte. Daher haben wir den 23. März 1801, den Tag der kaiserlichen Entschließ­ung über die Einrichtung des k. k. Kriegs-Archivs, als Stichtag für den nunmehr 200-jährigen Bestand unseres Archivs gewählt. 1711 und 1801 standen große militärische Bedrohungen im Mittelpunkt der Sor­gen des Staates und der Armeeführung: einmal die Türkenkriege und der Spanische Erbfolgekrieg, dann die Kriege gegen die Französische Revolution und Napoleon. Damals drängte sich immer wieder die Frage auf: Was können wir aus fiüheren Kriegen lernen, welche Erfahrungen gewinnen wir aus den Siegen und Niederla­gen, aus Erfolgen und Misserfolgen der eigenen und der feindlichen Armeen? In beiden Epochen waren es bedeutende und militärisch kräftige Gegner, von de­nen es viel zu lernen gab. Schon der Auftrag Kaiser Josephs II. von 1779 an das hofkriegsrätliche Kanzleiarchiv, die Kriege gegen Preußen ab 1740 darzustellen, war in diese Richtung gegangen: Generale - Teilnehmer an diesen Feldzügen - bearbeiteten deren Geschichte und versuchten in einer Reihe von Manuskripten - die heute noch erhalten sind - Kriegsgeschichte als Lehrbehelfe für die Offiziers­ausbildung zu schreiben. Dabei zogen sie neben amtlichem Schriftgut auch ihre eigenen Erinnerungen und Erfahrungen für ihre Geschichtsdarstellung heran und bedienten sich somit schon damals moderner zeitgeschichtlicher Methoden. Inzwischen haben sich die Bedürfnisse der Militärgeschichtsforschung grundle­gend gewandelt und das Kriegsarchiv ist von einem exklusiven Forschungsinstitut zu einem Dienstleistungsbetrieb für nahezu alle Zweige der modernen Geschichts­wissenschaft geworden. Als wir daher im Kollegenkreis überlegten, wie diese Jah­restage des Kriegsarchivs zu feiern wären, kamen wir zunächst auf die schon seit langem geplante Neubearbeitung unseres Archivinventars. Denn so wertvoll das 1953 erschienene Gesamtinventar des Kriegsarchivs auch sein mag, so ist es doch Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 49/2001 9

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