Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung
Leopold Auer mann vor Augen führen. In allen vier Fällen waren, wie es bei einem Thema europäischer Geschichte zu erwarten ist, Forschungen in zahlreichen Archiven erforderlich, das Haus-, Hof- und Staatsarchiv hat dabei aber stets eine zentrale Rolle gespielt. Seit 1913 kam Karl Brandi regelmäßig an den Minoritenplatz, um dort in Anknüpfung an die früheren Forschungen von William Bradford und Karl Lanz die Korrespondenz Karls V. für die von ihm geplante Biographie zu erfassen. „Das alte Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien“, schrieb er nach deren Erscheinen im Vorwort zum zweiten Band 1940", überragt alle anderen (seil. Archive) schon aus dem besonderen Grunde, weil es in weitem Umfange Aussteller- und Empfängerüberlieferung zugleich umfasst, etwa für die gesamte Korrespondenz der habsburgischen Geschwister, Karl und Ferdinand, Karl und Marie, Ferdinand und Marie. Ganze Reihen finden sich also hier - ein besonderer Fall - gleichzeitig in den Konzepten, Originalen und Copiaren. Gleichzeitig sprach Brandi von der ungeheuren Aufgabe, vor die sich die neuere Forschung bei der Erfassung der gesamten auf viele Archive verteilten politischen Korrespondenz Karls V. gestellt sieht. Diese Aufgabe wurde erst im letzten Vierteljahrhundert durch ein von Horst Rabe geleitetes großes Projekt erfüllt, an dem auch das Haus-, Hof- und Staatsarchiv durch seine reichen Bestände und durch die Mitarbeit meiner leider zu früh verstorbenen Kollegin Christiane Thomas prominent vertreten war’2. Man kann wohl sagen, dass die europäische Geltung des Hauses Habsburg mit Karls Großvater Maximilian eingesetzt hat. In jahrzehntelangen Forschungen, eigenen wie jenen zahlreicher Schüler, hat Hermann Wiesflecker das Material für seine fünfbändige Biographie dieses Herrschers zusammengetragen, für die vor allem die Archive in Wien und Innsbruck von zentraler Bedeutung waren. „Es galt“, um Wiesflecker zu zitieren, außer den gedruckten Quellen vor allem das wichtige, vielfach unbekannte archivali- sche Material systematisch zu verarbeiten, wobei wir uns zunächst auf die Bestände des Österreichischen Staatsarchivs, des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, des Hofkammerarchivs in Wien, und des Landesregierungsarchivs in Innsbruck konzentrierten, deren Urkundenreihen, Akten, Register und Kanzleibücher eigentlich den Auslauf und Einlauf der kaiserlichen Kanzlei ziemlich vollständig enthalten”. Die begleitende Herausgabe der Regesta Imperii für die Zeit Maximilians’4 führt Wiesflecker und seine Mitarbeiter bis heute regelmäßig zu Aufenthalten ins Haus-, Hof- und Staatsarchiv. * 34 ” Brandi, Karl: Kaiser Karl V. Bd. 2, Darmstadt 2. Aufl. 1967, S. 32. 52 Rabe, Horst (Hrsg.): Karl V. Politische Korrespondenz, 20 Bde, Konstanz 1999. Bd. 1 enthält eine Widmung an Christiane Thomas. Zu einem Versuch in der Zwischenkriegszeit, die politische Korrespondenz Karls V. zu erfassen, vgl. Thomas, Christiane: Acta Extera Caroli V. Geschichte eines gescheiterten Archivuntemehmens. In: MÖStA 28 (1975), S. 390-422. ” W i es fl ec ker, Hermann: Kaiser Maximilian 1. Bd. 1, Wien 1971, S. 3. 34 Bis jetzt sind drei Bände in mehreren Teilen erschienen. 62