Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

TELESKO, Werner: Die Seitenbilder der Marienkirche in Sulz im Wienerwald. Ein Beitrag zur Frömmigkeitsgeschichte im maria-theresianischen Zeitalter

Wemer Telesko- besonders in den weitverstreuten Gemeinden des Gebirges - sah Maria Theresia als eine der wesentlichen Gründe des Kryptoprotestantismus an. Zur Neuorganisa­tion des Pfarrwesens ließ die Kaiserin den Bedarf an Pfarreien ermitteln und den Bau neuer Seminare zur Heranbildung von Weltpriestern fördern* 57. „Zur ohnmittel- bahren Obsicht über die erbländischen Religionsangelegenheiten“ wurden in Wien, Oberösterreich, Kärnten und der Steiermark eigene Hofkommissionen aus Geistli­chen und Regierungsbeamten bestellt58. Die ältere Forschung ging davon aus, dass Maria Theresia im Prinzip an der habsburgischen Frömmigkeitstradition festhielt59. Die „Sorge um das Seelenheil ihrer Untertanen“60 wurde als ein bestimmendes Moment ihrer Aktionen bezeich­net. In einen offenen Gegensatz zur orthodoxen Lehre geriet die Kaiserin nie61, auch wenn sie zunehmend eine Abneigung gegen den ihr nie besonders nahe ste­henden Barockkatholizismus empfand62. Persönlich strebte sie - besonders nach dem Tod ihres Gemahls - eine Verinnerlichung ihres religiösen Lebens an63. Vor­träge, die einen radikaleren Eingriff in das liturgische Leben - insbesondere in den offiziellen Kult der „Pietas Austriaca“ - bedeutet hätten, wie etwa die Abschaffung der Prozessionen, fanden bei ihr keine Zustimmung64. So hielt sie auch das Rosen­kranzgebet stets in Ehren und wallfahrtete noch 1769 mit ihrem Beichtvater, Propst Ignaz Müller, nach Mariazell65. Dagegen nimmt die jüngere Forschung66 einen weiter gehenden Einfluss janseni- stischer Strömungen auf Maria Theresia an. Die Kaiserin hätte demnach einen gemäßigten Reformkurs forciert, der anti-protestantisch und spätjansenistisch ori­entiert war. In diesem Zusammenhang muss die Bedeutung des Jansenismus in Österreich nachdrücklich hervorgehoben werden. Der österreichische Spätjanse­nismus trat erst in den siebziger Jahren in seine eigentliche Expansionsphase67. Wahrscheinlich ist hier die französische Komponente des Jansenismus in der Per­wählte Quellen zur Geschichte der theresianisch-josephinischen Reformen. Darmstadt 1995 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte der Neuzeit 12a). 57 Reinhardt: Kirchenreform, S. 109. 58 Ebenda, S. 106 f. 59 Zö 11 ner: Geschichte, S. 315. 60 Wandruszka: Staatsgedanke, S. 183. 61 Walter: Stellung, S. 39. 62 Hersche: Spätjansenismus, S. 152. 63 Walter: Stellung, S. 39. 64 Hollerweger: Reform, S. 85;Hersche: Spätjansenismus, S. 152. 65 Hersche: Spätjansenismus, S. 152. 66 Ko Ibit sch, Gerald: Kirchenpolitik Maria Theresias. Dipl. Innsbruck 1992, S. 32-38; Her­sche: Spätjansenismus, S. 148f.;Hollerweger: Reform, S. 86. 67 Hersche: Spätjansenismus, S. 162. 392

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