Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47. (1999)

Rezensionen

gedrängt wurde. Die im Gegenzug erfolgte propagandistische Gleichsetzung der roten SPÖ mit der roten KPÖ konnte umsoweniger wirken, als die ÖVP 1945 bei den Betriebsratswahlen der VÖEST ihre Gewerkschafter auf einer Einheitsliste mit den Kommunisten kandidieren ließ. Hatte der strategisch kluge Umgang mit der Nationalsozialistenfrage der SPÖ ein beachtliches Wählerpotential eröffnet, so erwies sich bei den Gemeinderatswahlen 1949 die von der SPÖ forcierte Zulassung des VdU als Schlag ins Wasser. Was dem bürgerlichen Lager schweren Abbruch hätte tun sollen, kostete die SPÖ die absolute Mehrheit. Insgesamt geben die bei­den Aufsätze ein intensives Bild der in den frühen Jahren der Zweiten Republik auf der Tagesordnung stehenden politischen Tendenzen, Fragen und auch der Alltags­probleme, auf welche die politischen Parteien zu reagieren hatten. Walter Schuster berichtet in seinem Beitrag über „Die Entnazifizierung des Magistrates Linz“, wobei ein nicht unbeträchtlicher Teil des aufwendig recher­chierten Beitrags der „Nazifizierung“ des Magistrates nach dem Anschluß gewid­met ist. „Propaganda, Repression und Protektion“ spielten eine wesentliche Rolle bei der regimegerechten Veränderung der Beamtenschaft. Die von Schuster prä­sentierten Mitgliederstatistiken von verschiedenen Ebenen der Gemeindebedien­steten bieten allerdings in keiner Weise überraschende Ergebnisse. Nicht hinsicht­lich der hohen Dichte von Parteimitgliedern unter den Dienststellenleitem, die ja nicht zuletzt nach dem Kriterium der Parteitreue ausgewählt wurden und auch nicht hinsichtlich des beachtlichen Prozentsatzes an NS-Parteimitgliedem in der gesam­ten Beamtenschaft (S. 106: 1945 waren von 1783 Gemeindebediensteten 714 nach dem Verbotsgesetz registrierungspflichtig). Kein Wunder, griff doch die NSDAP - nicht zuletzt bei der Mitgliederaufnahme - auf das Reservoir der Großdeutschen Volkspartei zurück und diese war eine ausgesprochene Mittelstands- und vor allem Beamtenpartei. Die nach Kriegsende in verschiedener Intensität und mit unterschiedlichen Inten­tionen über den Magistrat Linz dahinwogenden Entnaziflzierunswellen werden von Schuster eingehend beschrieben und analysiert. Die Maßregelungen waren zumeist vorübergehend, anfangs in der Form, daß die Entlassenen häufig als solche einfach weiterverwendet wurden, zuletzt erfolgte die Wiederindienststellung auch belaste­ter Nationalsozialisten im Gefolge der schrittweisen Milderungen der Maßnahmen gegenüber den ehemaligen Nationalsozialisten und den schließlich ausgesproche­nen Amnestien. Walter Schuster blickt nicht vorbei an der Schwierigkeit, die nicht nur der „Entnazifizierer“ seinerzeit, sondern viel mehr noch der retrospektiv arbei­tende Historiker hat: Die Unterscheidung zwischen Aktivisten und Mitläufern, zwischen Verführerem und Verführten, zwischen Geläuterten und Konjunkturisten etc. etc. Alles Eigenschaften, für die es keine Meßgeräte gibt. Michael John zitiert in seinem Beitrag (S. 344) aus einem Interview mit einem Zeitzeugen, der offen­sichtlich nicht Parteimitglied war: „... Er hat mich mehrmals gefragt, ob ich ein Nazi sei. War ich nicht, obwohl das ist nicht so einfach zu sagen ...“ Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47/1999 - Rezensionen 334

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