Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47. (1999)
Rezensionen
Der Führer, mal als haltlos dozierender ewiger Möchtegemstudent, dem zuzuhören lustvollen Zwang bedeutet, mal im handverlesenen Kreis seiner Landsleute als Bauemschädel unter Bauemschädeln, wodurch keineswegs das Klischeebild des Landwirtes in den Schmutz gezerrt werden soll, jenes des einst als göttlich empfundenen A.H. (aus Datenschutzgründen verkürzt) sich aber doch relativiert. Weiters prominente Aufritte in der Hauptstadt Oberdonaus: Himmler, Kalten- bmnner, Speer, Goebbels, Göring, stets umrahmt von der verschlagenen Kirtagsgrimmigkeit des Vorzeigegauleiters Eigruber. Dokumentiert werden - und nun auch aus dem ureigenen Aktenfundus des Linzers Stadtarchives - die Anfänge Adolf Hitlers in dieser Stadt Linz, als getreulich verwalteter Jüngling und schließlich sein Triumph als nunmehriger Schutzherr dieser Verwaltung, ebenso wie die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Bewegung vor der Machtübernahme durch dieselbe. Und dazwischen - unverdrossen jubelnde Linzer: Schuschnigg 1937, Seyß- Inquart 1938, Hitler 1938, Einmarsch, Volksabstimmung. Es jubelt und jubelt. Ereignisse, die wohl hängenbleiben als rechtfertigende Momentbildaufnahmen kollektiven Gedächtnisses von gemeinsam erlebten Emotionen, um schließlich aber doch überlagert zu werden von der Erinnerung an ebenso im Bild dargebotene Zerstörungen als Basis weiteren Tuns und Erlebens, Basis neuer traumataheilender Klischeebildung. Einer Klischeebildung, welche das aus den Ruinen neu erblühende Leben zum allumfassenden Topos der Wiederaufbaugeneration werden ließ. So vielem Jubel, der sich der hektischen Planungs- und Bautätigkeit in Linz beigesellt, setzen die Herausgeber Texte entgegen, die dieses hysterische, zweifellos auf Kriegsrüstung abgestimmte Treiben - ganz zurecht, weitgehend aber doch erfolglos - zu relativieren versuchen. Zu sehr drängt sich der Gedanke an die damals gelegte Basis des Linzer Aufstieges nach 1945, der sogar an Graz als erster österreichischer Sekundärmetropole Österreichs kratzt, auf: All die Rüstungs- oder nachmalige Friedensindustrie, das durch den Krieg verursachte Bevölkerungswachstum, die mit Vehemenz und unter anderen Vorzeichen bis heute verfolgte Rolle als zumindest überregionale Kulturhauptstadt. Da wirken schon die jeglichen Datenschutz mißachtenden Bilder aus dem KZ Mauthausen (drei Außenlager im Linzer Stadtgebiet) durchschlagender. Menschen, durch situationsgenerierte Kreaturen aufs kreatürliche zurückgeworfen, glotzen aus dem Buch und wirken menschlicher und doch viel fremder als die Prominentenbesuche in Linz, wo sich Monokel mit Gamsbart und Marschallstab mit Knickerbocker paaren. Und doch: Gott gebe, man selbst, als Betrachter dieser Bilder, man komme niemals durch die Läufte der Geschichte in die Situation, in die eine oder andere Rolle, Opfer oder Täter hineinzugeraten. Dem Nationalsozialismus, als traumatisierendem Katalysator moderner Fehlentwicklungen, als groteskem Kulminationspunkt eines allumfassenden Radikaldarwinismus ein solches Bilderwerk zu widmen, scheint ein angebrachtes Unterfangen, Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47/1999 - Rezensionen 332