Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47. (1999)
Rezensionen
Daß, neben dieser unsicheren Terminisierung, auch die österreichische Unternehmergeschichte, im Gegensatz zur Untemehmensgeschichte auffallende Forschungsrückstände aufweist, kann - nach Sturmayr - etwa am deutschen Beispiel gezeigt werden, ebenso wie am Vergleich mit Slokar. Hier bilden neben der als Einleitung beschriebenen „Industriepolitik“ die Betriebsbeschreibungen und Produktionsstatistiken den Hauptinhalt. Zur Qualität der Quellenlage macht der Autor in seiner Einleitung keine kritische Anmerkung, sondern bietet nur eine demonstrative Aufzählung. Der Hauptteil der Studie umfaßt die „Entstehung, Struktur und Entwicklung der industriellen Zentralverbände [...]“ bis 1914, wozu ergänzend zu betonen ist, daß es sich ausschließlich um Untemehmerverbände handelt. Überraschend ist die Begründung des Entstehens einer Untemehmerorganisationen nach 1890. Die ab diesem Zeitpunkt „zunehmende Schlagkraft der Gewerkschaftsbewegung“ hätte die Arbeitgeber zu diesem, obendrein „dem Ziel nach [...] differenzierten [...]“ Vorgehen gezwungen. Betrachtet man den Zeitpunkt der Gründungen auf beiden Seiten, fallt der Synchronismus ins Auge. Von fünf von Sturmayr untersuchten Verbänden wurden drei nach 1890 gegründet, demselben Jahr, ab dem, angeregt durch die Einigung der Sozialdemokratie in Hainfeld, die „gewerkschaftlichen Vereine“ ihre bis heute ununterbrochene, nur von 1933 bis 1945 unterdrückte, Tätigkeit begannen. Naturgemäß bieten die Ziele beider Verbandstypen keine Übereinstimmung. Letztere herrschte, nach Sturmayr, zwischen der von 1816 bis 1824 tätigen „Commerz-Hofkommission“ als Vertreterin der „hohen Ministerialbürokratie“ und dem „wirtschaftlichen Liberalismus“. Die Grundentlastung von 1848 wird als Ursache der 1856 genehmigten Gründung des ersten „Branchenverbandes“ in Österreich, dem „Verein für Rübenzuckerindustrie“, angegeben. Als ein weiteres Anzeichen für eine, damals neue Form der gegenseitig übereinstimmenden Beziehung der Untemehmerverbände zu den Großbanken wird die Personalunion zwischen Verbandsmitgliedschaft und Bankverwaltungsfunktion genannt. Dasselbe gilt für die adelige Herkunft von 40 bis 50 % der Mitglieder der Verbandsspitzen. Ab 1870 expandierten die Verbände, besonders in der Papier-, Montan- und Maschinen- sowie in der Baumwollindustrie, nicht zuletzt durch die „tiefgreifenden Veränderungen der Struktur und Funktion des Staates“, die zur gleichen Zeit abliefen. Diesem Abschnitt war 1862 „ein erster Versuch“ zur Einigung, die Gründung des „Vereins der österreichischen Industriellen“ (VÖI) vorangegangen. Die unmittelbaren Anlässe waren außenpolitisch: der preußische Alleingang beim Abschluß des Handelsvertrages mit Frankreich und die militärische Niederlage Österreichs in Oberitalien. Der VÖI existierte nur fünf Jahre. Sein Eintreten für die Schutzzollpolitik brachte ihn in Opposition zur Regierung, die sich von den „preußischen Ausgleichsbemühungen“, laut Sturmayr, beeinflussen ließ. Seine skeptische Haltung sah der VÖI spätestens durch den Handelsvertrag mit dem deutschen Zollverein vom 11. April 1865 bestätigt. Die Einsetzung des freihändlerisch orientierten KaMitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47/1999 - Rezensionen 316