Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

KURZREITER, Johann: Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884–1885

Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884-1885 Im Verlauf des August wurde das Programm der geplanten Konferenz zwischen Berlin und Paris ausverhandelt, im Oktober wurden die Einladungen verschickt 33. Folgende Themen sollten beraten werden: Handelsfreiheit im Kongobecken, freie Schiffahrt auf dem Kongo und dem Niger, Grundsätze für die effektive Inbesitznah­me von Territorien an der afrikanischen Küste durch europäische Mächte, Schutz der Eingeborenen und Unterdrückung des Sklavenhandels* 36. Die deutsche Regierung wandte sich zum ersten Mal Ende Juni 1884 in der Ange­legenheit des britisch-portugiesischen Vertrages an den Ballhausplatz. Berlin teilte mit, daß die französische Regierung sich bereit erklärt habe, allein oder gemeinsam mit Deutschland eine internationale Regelung der Kongofrage vorzuschlagen. Das Berliner Kabinett ging davon aus, daß die Wiener Regierung von der Angelegenheit nicht so unmittelbar berührt war, daß sie aber wegen der voraussichtlich steigenden Bedeutung des Kongogebiets für den internationalen Handel sich an einer interna­tionalen Regelung der Kongofrage zu beteiligen wünschte37. Außenminister Kálnoky räumte gegenüber dem deutschen Botschafter in Wien, Prinz Reuß, ein, daß die Donaumonarchie an der Kongofrage nicht so unmittelbar interessiert war wie andere Mächte, die am Kongo umfangreichere Handelsbezie­hungen unterhielten. Zugleich war Kálnoky jedoch der Meinung, daß alles, was mit der Freiheit des überseeischen Handels zusammenhing, grundsätzlich und im Hin­blick auf die Zukunft die Aufmerksamkeit Österreich-Ungarns in Anspruch nehmen mußte. Er begrüßte daher den deutschen Standpunkt zum, wie er meinte, „einseitigen Vorgehen“ Großbritanniens und Portugals ebenso wie die Anregung aus Berlin zu einer internationalen Behandlung der Frage. Schließlich erklärte Kálnoky die Bereitschaft Wiens, an der geplanten Konferenz teilzunehmen38. Graf Kálnoky schien eine Teilnahme weniger wegen des Anlasses, der Kongofra­ge, selbst wichtig, weil die Handels- und Schiffahrtsinteressen Österreich-Ungarns in Zentralafrika gering waren, sondern weil es darum ging, neue Territorien für den internationalen Handel zu erschließen und dafür allgemeingültige Grundsätze auf­zustellen, die in Zukunft auch dem Handel und der Schiffahrt der Donaumonarchie zugute kommen würden. Kálnoky hielt eine Teilnahme an der Konferenz auch des­halb für ratsam, weil er die Aufstellung völkerrechtlicher Regeln für koloniale Ex­pansion und Herrschaft erwartete. Er dachte dabei anscheinend an mögliche öster­reichische Kolonialerwerbungen, es gab ja gerade in diesen Jahren diesbezügliche Bestrebungen (vgl. oben). Dem k. u. k. Außenminister schien eine Beachtung der Kongofrage auch sinnvoll, weil sie die Beziehungen der Mächte zueinander beein­W e h 1 e r, Hans-Ulrich: Bismarck und der Imperialismus, S. 384 f. 36 McEwan, P.J.M.: Nineteenth-Century Africa. London 1968, S. 220. 37 Österreichisches Staatsarchiv Wien, Haus-, Hof- und Staatsarchiv [HHStA], Politisches Archiv [PA] III 177, Preußen Ha: Kongo-Frage 1882-84, Unterstaatssekretär Busch an den deutschen Botschafter in Wien Prinz Reuß zur Mitteilung an Außenminister Graf Kálnoky 23. 6. 1884. 38 E b e n d a, PA III 177, Kálnoky an den k. u. k. Botschafter in Berlin Graf Imre Széchenyi 22.7. 1884. 75

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