Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
KURZREITER, Johann: Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884–1885
Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884-1885 finanzielle Interessen), sondern wegen seiner Stellung als Großmacht und Mitglied des Europäischen Konzerts. Es nahm an allen Konferenzen zur Ägyptischen Frage teil und war Mitunterzeichner der beiden multilateralen Abkommen über die ägyptischen Finanzen und den Suezkanal. Ein besonderes Interesse hatte Österreich- Ungarn nur am Verbleiben Ägyptens im Verband des Osmanischen Reiches, weil eine Loslösung, die in der Krise 1881/82 möglich schien, aus Wiener Sicht sezes- sionistischen Bestrebungen am Balkan Auftrieb gegeben hätte. Hier vermischten sich also Kolonial- und Balkanpolitik. Auch die Teilnahme an der Niederwerfung des Boxeraufstandes in China 1900 hatte ihren Grund in der Großmachtstellung der Monarchie und ihrer Zugehörigkeit zum Europäischen Konzert, nicht in ihren marginalen Interessen in China. Da alle europäischen Großmächte sowie die USA und Japan sich an der Intervention beteiligten, konnte Österreich-Ungarn nicht abseits stehen und entsandte ebenfalls ein militärisches Kontingent (das kleinste von allen Mächten) nach China28 29. Die internationale politische Lage 1884/85 wurde durch den beginnenden Imperialismus und die daraus resultierenden Rivalitäten der Mächte bestimmt. Von besonderer Wichtigkeit war das Verhältnis der drei in der Kongofrage meistinteressier- ten Mächte Großbritannien, Frankreich und Deutschland zueinander. Das Verhältnis London-Paris war seit der britischen Okkupation Ägyptens 1882, die die Ausschaltung des französischen Einflusses in dem Land mit sich zog, gespannt. Auch das Klima zwischen Berlin und London war 1884/85 getrübt, weil es im Zuge der beginnenden deutschen Kolonialpolitik in Afrika und im Pazifik an mehreren Orten (Südwestafrika, Bismarckarchipel, Neuguinea) zu Reibungen mit Großbritannien kam. Zwischen Berlin und Paris bestand hingegen eine Entente in Kolonialfragen, mit der Reichskanzler Otto von Bismarck einerseits Frankreich von Elsaß- Lothringen und vom Revanchegedanken ablenken wollte, indem er seine koloniale Expansion unterstützte, und andererseits Druck auf Großbritannien auszuüben gedachte, um es zum Nachgeben gegenüber den deutschen Aspirationen in Übersee zu bewegen ” Die deutsch-französische Kolonialentente wirkte sich zu dieser Zeit nicht nur in der Kongofrage, sondern auch in der Ägyptischen Frage aus. So brachten die Regierungen in Berlin und Paris eine Konferenz in London im Sommer 1884, die sich mit der Neuordnung der ägyptischen Finanzen befaßte, zum Scheitern30. Die Kongofrage ergab sich aus der privaten Aktivität König Leopolds II. von Belgien bei der Erforschung und Erschließung Afrikas. Der König interessierte sich sehr dafür, er war zudem ein fähiger Geschäftsmann und besaß ein großes Privatvermögen. Deshalb reizten ihn auch die kommerziellen Möglichkeiten des Kontinents. 1876 berief König Leopold einen internationalen Geographenkongreß nach Brüssel, auf dem die „Internationale Afrikagesellschaft“ mit Leopold als Ehrenpräsident 28 Schusta, Günter: Österreich-Ungarn und der Boxeraufstand. St. Pölten (Diss.) 1967, S. 125. 29 Kurzreiter: Österreich-Ungarn und die Ägyptische Frage, S. 138 f. 30 Ober die Londoner Konferenz 1884 ebenda, S. 143-148. 73