Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
Rezensionen
Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46/1998 - Rezensionen Jagschitz, Gerhard - Karner, Stefan: „Beuteakten aus Österreich“. Der Österreichbestand im russischen „Sonderarchiv“ Moskau. Redigiert von Sabine Elisabeth Gollmann. Selbstverlag des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung: Graz-Wien 1996 (Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung 2). 268 S., 19 Abb. Es handelt sich bei dem vorliegenden Band um einen Führer durch das Moskauer „Sonderarchiv“. Im Vorwort (S. VII-VIII) wird der Leser ausführlich über die Entstehung dieses Archivs und dessen „Entdeckung“ durch die beiden Herausgeber informiert: Zu den von der Sowjetunion zu Ende des Zweiten Weltkrieges erbeuteten „Kriegstrophäen“ zählen neben Kunstwerken und Bibliotheken auch Millionen Dokumente aus mehr als 20 Staaten Europas. Sie waren schon zuvor von NS-Stellen aus Paris, Brüssel, Wien, Graz, Den Haag oder Belgrad ins „Dritte Reich“ verbracht und noch vor Kriegsende in sichere Gebiete verlagert worden. Aus diesen Gebieten wurden die Akten, so wie sie von den Nationalsozialisten verpackt worden waren, geholt und als „Trophäen“ nach Moskau verbracht. Das Moskauer „Sonderarchiv“, in dem diese ,3euteakten“ deponiert wurden, übrigens von deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen erbaut, galt bis 1990 als streng geheim. Niemand wußte von seiner Existenz, außer dem Innenministeriums und dem KGB. Für diese beiden Organe hatte das Archiv auch zur Verfügung zu stehen. Später wurde es zum Sonderarchiv des Ministerrates der UdSSR erklärt und blieb geheim: Ohne ange- stellte Wissenschafter, ohne Personal zur Auswertung der „Trophäen“, ohne Benützereinrichtungen. Kein Archiv-bloß ein Depot, völlig den politischen Vorgaben der „Organe“ ausgeliefert. Die Bediensteten erhielten Schweigeprämien als Zubußen zum Gehalt, die Bewohner der unmittelbar angrenzenden Häuser wußten nicht, was sich hinter den vergitterten Fenstern des Gebäudes verbarg. Im Zuge seiner Archivarbeiten zu den Kriegsgefangenen, deren Akten ebenfalls in diesem Archiv aufbewahrt wurden, stieß Stefan Karner 1991 auf die einstigen „Kriegstrophäen“ der UdSSR: Auf das private Gästebuch Hitlers, auf die Fotoalben Hjalmar Schachts oder auf das Tagebuch von Goebbels sowie auf hunderte Laufmeter Regale mit vielfach noch ungeöffneten Faszikeln der Beuteakten aus Österreich und Deutschland. 1992 stieß auch Gerhard Jagschitz im Rahmen seiner Forschungen zu Auschwitz auf die archivierten Beutebestände. Mit Entgegenkommen des damaligen Archivdirektors Viktor N. Bondarev und seiner Archivmitarbeiter sowie durch die Vergabe eines entsprechenden Projektes durch Wissenschaftsminister Erhard Busek gelang es den Unterzeichneten-unterstützt von einem Team junger, österreichischer Historiker, 1992/93 eine Übersicht über die aus Österreich stammenden Beuteakten zu erstellen. Darüber hinaus erfolgte jedoch noch eine qualifizierte Inhaltsanalyse der Bestände auf der Basis einzeln durchgesehener Faszikeln oder Bestandsgruppen. Damit geht die vorliegende Aufstellung der in Moskau lagernden Beuteakten aus Österreich hinsichtlich des Umfanges und der Details der Inhalte weit über ähnliche Projekte in Deutschland und Belgien hinaus. Ziel des Projektes war es daher von Beginn an, österreichischen Forschem eine Einstiegs- und Orientierungshilfe für eine Archivarbeit in Moskau sowie eine brauchbare Unterlage für Verhandlungen, etwa im Rahmen eines Kulturabkommens mit Rußland, anzubieten. Die Einleitung (S. IX-XLVII) macht den Leser mit den Eigenheiten des russischen Archivwesens vertraut und gibt praktische Hinweise für die Archivbenützung. Besonders wertvoll sind dabei ein Verzeichnis der russischen staatlichen Archive in 565