Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
SCHEMBOR, Friedrich Wilhelm: Die österreichische Neutralität von 1807–1809. Die preußischen Aufstandsversuche in Ansbach-Bayreuth und der Kampf um Preußisch-Schlesien
Friedrich Wilhelm Schembor „[...] dieser Bericht liefert zwar einen unleuglichen Beweis des rühmlichen Diensteifers des Herrn Kreishauptmannes, allein in nicht minderem Maße stellt er auffallende Blößen und Mißgriffe mancherlei Art dar, deren Möglichkeit ich mir nicht einmal hätte beifallen lassen können. Wie konnte dem Herrn Kreishauptmann, zumal als Grenzkreishauptmann, unbekannt sein, daß der beanstandete Paß [...] ein in der gewöhnlichen Form ausgestellter Paß der geheimen Hof- und Staatskanzlei sei, daß derlei Pässe nie vom Präsidenten, sondern nur von einem Hofrate unterfertigt werden, in welcher Eigenschaft denn auch der in Frage stehende Paß vom Hofrat Hudelist ganz ordentlich gefertigt erscheint.“ Außerdem hätte Heßiowa allein und persönlich die Erhebungen durchführen sollen!65 Pikanterie am Rande: ausgerechnet jener Nicht-einmal-Präsident Hofrat Josef von Hudelist war es, der in eben diesem Jahr 1807 den Orientalisten Josef Freiherr von Hammer66 davon informierte, daß dessen Briefverkehr überwacht werde, was Ham- mer-Purgstall in seinen Erinnerungen mit dem Hinweis quittierte, daß er seither durch die Post nur mehr belanglose Briefe befördern ließ, oder solche, „in denen ich meine Meinung und Ansicht so unverhohlen aussprach, wie ich dieselbe den Ministern nie so frei hätte ins Gesicht sagen können.“67 Zwei Tage nach seiner Einvernahme schickte Bein dem Kreishauptmann Heßiowa, der die Einvernahme geleitet hatte, ein Schreiben, das folgendermaßen begann: „I lochwohlgebomer Herr, Insonders Hochgebietender Herr Kreishauptmann! Die feine Schonung und die ausgezeichnete Delikatesse, mit welchen mich Euer Hochwohlgeboren behandeln, macht es mir zur Pflicht, in meinem Verlangen, die möglichst höchste Delikatesse zu beobachten.“ Er fühle sich verpflichtet, Heßiowa mitzuteilen, daß er mittels Stafette zwei Briefe erhalten habe. Aus dem einen gehe hervor, daß in den verschiedenen sächsischen Städten gegen 160 gefangene preußische Offiziere in der jammervollsten Dürftigkeit“ leben und daß 22 davon bereits deshalb beim Ysenburgschen Korps und bei den sächsischen Trappen in Dienst getreten seien und nur die eiligste Unterstützung dem Unglücke Vorbeugen könne, daß alle miteinander Dienste nähmen. Bein wäre, wenn seine Pässe noch hier gewesen wären, „mit der offenbar größten Gefahr seines Lebens“ sofort hingefahren, er warte aber auf die Entscheidung, in Tschernoschin längere Zeit bleiben zu können oder sich mit dem k. k. Paß entfernen zu dürfen, andernfalls er mit seinem Gesandtschaftspaß unter seinem wahren Namen in jene Gegenden eilen werde, um die Männer zu unterstützen. Am nächsten Tag, den 29. März, setzte sich Heßiowa nochmals zum Schreibtisch und berichtet Wallis, er habe den Verdacht, daß hier falsche Bankozettel verbreitet oder gar fabriziert würden. Bein hatte Schopf und Ebert bei deren Erkundungen gefragt, ob Heßiowa französisch oder preußisch gesinnt sei, und auf die Antwort, daß er gar nicht französisch gesinnt sei, erklärt, er sei der Redakteur und Kabinettsekretär Bein und nicht der Kaufmann Hagen. Und dann schreibt Heßiowa folgendes: AVA, PHSt 1274/zzz/1807, 1274/U/1807. 66 Nach dem Tod der Gräfin Purgstall nannte er sich Hammer-Purgstall. 67 Archiv der Österreichische Akademie der Wissenschaften, Hammer-Purgstall, Joseph von: Erinnerungen aus meinem Leben (maschinschriftl. Abschrift), XVI1/2-70/2. 348