Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
EMINGER, Stefan: Gewerblicher Mittelstand in Österreich Zur Zeit der großen Depression. Organisation, Interessenpolitik und politische Mobilität im Gewerbe 1930–1938
Gewerblicher Mittelstand in Österreich 1930 - 1938 freier Wettbewerb war verpönt, die längst fällige Strukturanpassung der gewerblichen Betriebe wurde vorerst verhindert. Überteuerung, Atomisierung des Marktes und Stagnation in der Entwicklung gewerblicher Wirtschaftszweige waren weitere Folgen dieser Gewerbepolitik.17' Anfang 1937 zeichneten sich dann erste Gegentendenzen zur Politik des Gewerbeschutzes ab. In einer Besprechung zwischen Vertretern der Bundesländer und Spitzenbeamten der Zentralbehörden Ende Jänner 1937 wurde den Landeshauptleuten nahegelegt, hinsichtlich der Genehmigung von Mindestpreisbeschlüssen „grösste Zurückhaltung“ zu üben, um die Preissenkungsaktion der Regierung nicht zu behindern.171 172 Da sich die bürgerliche Diktatur offenbar nicht dazu in der Lage sah, dem Gewerbe konkrete Alternativen für die abzubauenden Schutzmaßnahmen anzubieten, wurde der Umschwung in der Gewerbepolitik nicht durch Gesetzesänderungen, sondern im Wege gewerbebehördlicher Verwaltungspraxis zu bewerkstelligen versucht.173 Um weitere Loyalitätsverluste im „alten Mittelstand“ zu vermeiden, trachtete das Regime abermals „optisch“ zu arbeiten und versuchte mittels Erlässen und Weisungen an die Unterbehörden, das komplizierte und unüberschaubar gewordene System des Gewerbeschutzes aufzubrechen.174 Im Herbst 1937 erhielt die Trendwende dann klarere Konturen, als Handelsminister Taucher in einem Schreiben an die Bundeshandelskammer ankündigte, daß in der für das kommende Jahr geplanten Gewerbeordnungsnovelle ein Abbau der Schutzmaßnahmen angestrebt werde.175 Pikanterweise war es dann ausgerechnet Julius Raab - der Mann, unter dessen Leitung das österreichische Gewerbe ja zurückgeführt worden war in die „Zeiten längst überholter eng umgrenzter Stadtwirtschaft“176 -, der als neuer Handelsminister der gewerblichen Basis die Abkehr von der protektionistischen Gewerbepolitik klarzumachen hatte. Bereits seine ersten öffentlich getätigten Äußerungen als Minister ließen keine Zweifel daran, daß seine Amtsführung im Zeichen dieser Politikänderung stehen würde. Vor Gewerbetreibenden in der Steiermark wandte er sich scharf „[...] gegen alle engstirnige Zünftelei, die sich das Allheilmittel für die Linderung der Wirtschaftsnot im Gewerbe nur in Absperrmaßnahmen, Mindestpreisen usw. denken könne“,177 und in einer Sitzung des Landesgewerbeverbandes Salzburg fand er harte Worte gegen die zahlreichen protektionistischen Forderungen, die an ihn im 171 Neue Freie Presse (28. April 1933); ÖVW 27 (9. Februar 1935), S. 364-367. 172 AdR, BMIHuV/allg., Sign. 501, GZ 123.919/1937, Kt. 2785, Fachgenossenschaftliche Beschlüsse auf Festsetzung von Höchst- und Mindestpreisen; Auslegung des Begriffes „berufsständische Landesorganisationen“; Ebenda, Sign. 501, GZ 127.182/1937, Kt. 2786, Festsetzung von Mindestpreisen durch die Zünfte. Angebliche Weisungen, betreffend die Verweigerung der Genehmigung. 173 Das Wiener Ge werbe (25. Februar 1938). Zitat nach Gei ßler: Österreichs Handelskammerorganisation in der Zwischenkriegszeit Bd. 2, S. 392. 174 Stimmen der Wirtschaft 2 (September 1937), S. 1 f. 175 WKW, Registratur, Paket 2630, Mappe 2, Schreiben des BMfHuV an die Bundeshandelskammer in Wien vom 29. 11. 1937. 176 ÖVW 27 (9. Februar 1935), S. 367. 177 Das Ge werbe. Hauptblatt des Gewerbebundes 3 (19. Februar 1938), S. 12. 27