Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
SCHEMBOR, Friedrich Wilhelm: Die österreichische Neutralität von 1807–1809. Die preußischen Aufstandsversuche in Ansbach-Bayreuth und der Kampf um Preußisch-Schlesien
Friedrich Wilhelm Schembor den fehlenden Enthusiasmus auf österreichischer Seite fälschlicherweise einem österreichischen Schlendrian zu. Im Jahre 1809 wandelte sich das Blatt. Hatte sich bisher der österreichische Kaiser und vor allem Erzherzog Karl geweigert, in den Krieg einzutreten, so war es nun der preußische König, der sich verweigerte. Abgesehen von lokalen Scharmützeln blieb der Tiroler Freiheitskampf die einzige nachhaltige Manifestation des Widerstandes gegen Napoleon und die Besatzer. Um dem Leser die geographische Zuordnung zu erleichtern, wird im folgenden immer wieder von der böhmisch-bayreuthischen und böhmisch-glatzischen Grenze gesprochen. Unter ersterer ist dabei der Grenzabschnitt zwischen Eger und dem Dreiländereck Böhmen/Bayern/Sachsen, also jenes Stück der böhmisch-bayerischen Grenze zu verstehen, das vor der französischen Besetzung die Grenze zum Fürstentum Bayreuth bildete, unter letzterer die Grenze zwischen Braunau in Böhmen und dem Dreiländereck Böhmen/Mähren/Preußisch-Schlesien, die die Grenze zur schon lange in Preußisch-Schlesien integrierten Grafschaft Glatz bildete, da dies die geographische Zuordnung erleichtert. Fehlen im Text die Vornamen bei Brüderpaaren wie den Lanzac-Chaunac oder den Falkenhausen, so sind diese aus den Quellen nicht zu erschließen. Ich möchte mich bei Herrn Wilfried Engelbrecht in Bayreuth für die äußerst wertvollen Hinweise herzlich bedanken. 2. Vorgeschichte Das Jahr 1806 Am 13. 1. 1806 verließen die Franzosen nach 62 Tagen Besetzung die Reichs- und Residenzstadt Wien. Erzherzog Karl glaubte sich am Rande eines Abgrundes, Österreich steckte in einer fürchterlichen Krise, das Land war verwüstet, die Kassen leer, der Wohlstand der Untertanen auf lange Zeit vernichtet.1 Österreich mußte im Frieden von Preßburg Venetien, Istrien und Dalmatien an Italien abtreten und erhielt das Erzbistum Salzburg mit Berchtesgaden. Bayern erweiterte sein Gebiet auf Kosten Österreichs um Tirol, Brixen und Trient, Vorarlberg und Teile von Vorderösterreich. Napoleon aber garantierte die Integrität des österreichischen Staates. Da rückte am 24. 2. 1806 der Schwager Napoleons, Marschall Charles Jean Baptiste Bernadotte, mit 20 000 Franzosen in der Markgrafschaft Ansbach ein, das so wie Bayreuth eine preußische Enklave im französisch besetzten Bayern gewesen war. Bei den Behörden des Landes gab es große Verwirrung. Man wußte nicht, daß König Friedrich Wilhelm III. von Preußen zwei Monate zuvor2 insgeheim die Markgrafschaft Ansbach an Bayern abgetreten hatte. 1 Criste, Oskar: Erzherzog Carl von Österreich. 3 Bde. Wien-Leipzig 1912, (in Hinkunft: Christe, Erzherzog Carl) Bd. 2, S. 380. 2 Im Vertrag von Schönbrunn vom 15. 12. 1805. 312