Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LEHNER, Georg: Chinesisch für den auswärtigen Dienst: Zwei Dolmetsch-Eleven an der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing in den Jahren 1897 bis 1900

Chinesisch für den auswärtigen Dienst Im Frühjahr 1901 kehrte Natiesta nach Shanghai zurücck, um am dortigen k. u. k. Generalkonsulat wieder seinen Dienst anzutreten. Natiesta, der einem ärztlichen Attest zufolge schon im Juni 1900 wegen Alkoholproblemen die Heimreise angetre­ten hatte, traf Ende April 1901 wieder in Shanghai ein41. Der k. u. k. Fregattenkapi­tän Carl Heinrich, Kommandant von S.M.S. „Aspern“, der wie Natiesta auf einem Dampfer des Österreichischen Lloyd nach Ostasien gereist war, um dort seinen Dienst anzutreten, berichtete nach seiner Ankunft in Shanghai, „dass Herr Natiesta an Bord des österreichischen Lloyddampfers wiederholt betrunken war“. Der Leiter des Generalkonsulats Shanghai, Konsul Julius Ernst Pisko, machte Na­tiesta unmittelbar nach dessen Ankunft darauf aufmerksam, daß ein weiterer Rück­fall „die schlimmsten Folgen für ihn haben könnte“. Obwohl Natiesta auf dem Rennplatz neuerlich rückfällig geworden war, versprach er Pisko „feierlichst [...] nie mehr sich zu vergessen“. Ein neuerlicher Rückfall folgte schließlich während einer Dienstreise Piskos nach Beijing: „Jeden Abend liess er sich in das Consulatsgebäude öffentliche Dirnen kommen, in der Früh um 5 Uhr erschien er eines Tages gänzlich entkleidet mit zwei Dirnen in seiner Kanzlei, wo sich ein von der k. u. k. Escadre ihm anvertrautes Depot von 36 Liv.Stg. be­fand, von welcher Summe sodann 21 Liv. Stg. fehlten, die von Herrn von Forster42 in al­ler Eile ersetzt wurden. Nachmittags machte er in seinem offenen Wagen eine Spazier­fahrt und war bei dieser Gelegenheit derartig betrunken, dass der kaiserlich deutsche Ge- neralconsul mir nachträglich mittheilte, es sei dies ein öffentlicher Skandal gewesen“.- Damit hatten sich die Befürchtungen eines Rückfalls bestätigt, die auch von Na- tiestas Familie in einem Brief an Pisko geäußert wurden: „Ich habe thatsächlich alles aufgeboten, um dem Unglücklichen mit Güte und mit Emst zuzureden und wurde hiebei sowohl von meiner Frau als auch von Herrn von Forster un­terstützt. Leider waren unsere Bemühungen vergeblich und scheint es, dass nur eine überaus energische, lange Cur hier Abhilfe schaffen kann“. Pisko stellte in seinem Bericht vom 31. Mai 1901 auch fest, daß Natiesta „auch diesmal, insolange er nicht seiner unglücklichen Leidenschaft fröhnte, sich als eine ganz vortreffliche Arbeitskraft bewährte“43. 41 Vgl. dazu HHStA, GA Peking, Karton 79 (Pisko an k. u. k. Gesandtschaft Peking, N° 494, Shanghai 1901 April 26). 42 Paul Freiherr Forster von Pusztakér, geboren am 15. 10. 1876, absolvierte die Konsularakademie mit 14. 7. 1900 und wurde am 9.8.1900 dem Generalkonsulat in Shanghai zugeteilt. Er wurde am 16.12.1901 zum Konsularattaché ernannt und war vom 19. 9. 1902 bis 6. 7. 1903 dem Konsulat in Yokohama zuge­teilt. Seine weitere Laufbahn im k. u. k. Auswärtigen Dienst verbrachte Forster in Australien und den Vereinigten Staaten: Titel und Charakter eines Vizekonsuls seit 24. 11. 1903, am 7. 6. 1904 dem Gene­ralkonsulat Sydney zugeteilt, dessen interimistische Gerenz er vom 3.3.1906 bis zum 16.3.1907 innehatte. Am 17. 12. 1907 wurde er dem Generalkonsulat in Chicago zugeteilt, danach Leitung der Konsularvertre­tungen in Cleveland und Pittsburgh; Konsul seit 22. 1. 1911; Ritter des Ordens der Eisernen Krone III. CI. seit 9. 12. 1911. Am 1. 12. 1912 wurde er seiner Verwendung enthoben und beurlaubt. Am 29. 7. 1913 in den zeitlichen Ruhestand versetzt. - Vgl. dazu J a h r b u c h des k. u. k. Auswärtigen Dien­stes 21(1917), S. 270. 43 HHStA, AR Fach 4/231, Natiesta 1/7-6 (Pisko anMdÄ; N° 11 res., Shanghai 1901 Mai 31); Coates: China Consuls, S. 360 f. fuhrt einen ähnlich gelagerten Fall eines student interpreter s an, der sich 1896 am britischen Konsulat Hankou ereignete, an: „... was drinking heavily, was head over heels in debt, and had been required to resign from the club. ... The usual practice in the past had been to avoid scandal by getting disgraced officers out of China as soon as possible, at the cost of paying their passages“. 119

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