Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LEBENSAFT, Elisabeth – MENTSCHL, Christoph: Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company. Ein Beitrag österreichischer Flüchtlinge im Kampf gegen NS-Deutschland, dargestellt nach britischen Quellen

Elisabeth Lebensaft und Christoph Mentschl Amtskollegen Ernest Brown am 7. und 8. Mai in London zum zentralen Thema wurde. Pomaret brachte dabei nicht nur das gemeinsame Arbeitskräfteproblem aufs Tapet”, sondern teilte auch mit, daß er bis Juli 200 000 Arbeiter für die französische Rüstungsindustrie bereitzustellen habe, wozu er allerdings nur dann in der Lage wäre, wenn er einerseits Soldaten, anderseits jene Männer, die ursprünglich für Pio­nier- respektive Prestataires-Arbeiten rekrutiert worden waren, heranziehen könnte* 74. In einem den Engländern übergebenen Aide-mémoire hieß es dazu: „[...] the French Ministry of Labour is compelled to withdrawn [sic!] very soon from the B.E.F. the workers who were put at its disposal (French and Italian workers and ,prestataires‘). [... ]“75- wozu es allerdings sehr bald in anderer als der geplanten Weise kommen sollte. Für die weitere Behebung des Arbeitskräftemangels ging Pomaret sogar so weit, den Briten die Adaption des französischen Prestationssystems in deren eigenem Land zu empfehlen76, ein Vorschlag, dem das War Office äußert skeptisch gegen­überstand77 und der teilweise durch die oben erwähnte Aufnahme von enemy aliens ins A.M.P.C. bereits verwirklicht worden war78. Jedenfalls sollte dieses Thema noch bis zu jenem Zeitpunkt, als die Deutschen be­reits an der Kanalküste standen, nicht aus den Korrespondenzen zwischen französi­schen und britischen Stellen verschwinden, und wurde zuletzt, kurz vor dem end­gültigen Zusammenbruch Frankreichs, noch mit einer skurrilen Note versehen: Als die B.E.F. sich bereits via Dünkirchen abgesetzt hatte, signalisierten die Franzosen plötzlich, daß sie infolge des starken Flüchtlingsstroms aus den Beneluxländern nun doch keinen besonderen Wert mehr auf die Rückstellung der Prestataires legten und boten nun sogar den Briten weitere Arbeitskräfte an. Das War Office sah sich jeden­falls veranlaßt, die Situation in Frankreich durch einen eigens entsendeten Offizier überprüfen zu lassen79; anscheinend, und infolge der Kriegereignisse nachvollzieh­bar, dürfte dieses Angebot der Franzosen doch keine konkreten Auswirkungen ge­habt haben. Besonders die letzte Episode läßt erkennen, daß die Diskussion um den Arbeitskräftemangel von den zuständigen Stellen auf beiden Seiten vielleicht etwas überbetont wurde, wie bereits eine Bemerkung Wards von Ende Mai 1940 angesichts des deutschen Vormarsches, „[...] that our greatest weakness is not shortage of la­bour but of military material,“80 erkennen läßt. PRO, FO 371/24325, S. 192 £: G. Evans, WO, an R. Makins, FO, 4. 6. 1940. 74 PRO, FO 371/24295, S. 136: „Note of Discussions with Monsieur Pomaret, the French Minister of La­bour“, 7. und 8. 5. 1940. 75 E b e n d a, S. 138: „Questions relating to Labour to be dealt with by the French and British Governments in Collaboration“, undatiert [nach 6. 5. 1940], 76 Ebenda, S. 136: „Note of Discussions with Monsieur Pomaret, the French Minister of Labour“, 7. und 8. 5. 1940. 77 Ebenda, S. 132: F. Phillipps, WO, an A. Cadogan, FO, 31. 5. 1940. 78 Lafitte, Franyois: The Internment of Aliens. London (Neuausgabe) 1988, S. 67. 79 PRO, FO 371/24325: G. M. Evans, WO, an R. Makins, FO, 4. 6. 1940. 80 Ebenda, S. 186: Minute J. G. Ward, FO, 27. 5. 1940. 100

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