Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)
HÖDL, Sabine: Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden. Zur Geschichte der Juden in Niederösterreich von 1420 bis 1555
Die Geschichte des Hauses Windisch-Graetz eröffnet den Blick auf eine Reihe unterschiedlichster Persönlichkeiten. Die herausragendste unter ihnen war Feldmarschall Fürst Alfred I. (1787-1862), der während der Revolution von 1848 zuerst den Aufstand in Prag und danach das rebellierende Wien niederrang. Der zweite, zu höchsten staatlichen Funktionen aufgestiegene Windisch-Graetz war sein Enkel Fürst Alfred III. (1851-1927), der von 1893 bis 1895 als Ministerpräsident berufen wurde und ab 1897 bis zum Ende der Monarchie die Präsidentschaft im Herrenhaus ausübte. Bei der jeweiligen Berufswahl spielten Familientraditionen ebenso eine entscheidende Rolle, wie die Vermögenslage der Eltern. Während eine Berufslaufbahn im öffentlichen Dienst eher eine Ausnahmeerscheinung war, zog es die Mitglieder des Hauses Windisch-Graetz mehrheitlich zum Dienst in der Armee. Nach alter adeliger Tradition erhielt die Kavallerie eindeutig den Vorzug. Fundament allen Handelns waren jedoch die landwirtschaftlichen Liegenschaften. Die Besitzungen der älteren Linie des Hauses Windisch-Graetz erreichten bis 1913 knapp 30 000 Hektar und waren in Böhmen, Südsteiermark und Ungarn verstreut. In diesen Besitzstand waren auch die mediatisierte Standesherrschaft Eglofs in Württemberg und die Häuser in Prag und Wien miteingerechnet. Die jüngere Linie besaß nach der Grundentlastung ca. 18 000 Hektar in der Südsteiermark, Krain und Böhmen. Obwohl dieser weitläufige Streubesitz eine straffe Verwaltung und unternehmerische Ideen gebraucht hätte, erkannten die maßgeblichen Persönlichkeiten eine solche als nicht vordringlich an. Für Fürst Alfred I. stellten die Einnahmen aus dem Grundbesitz die einzig legitime Art der Vermögensbildung und Existenzsicherung dar, Geld und Börsengeschäfte wurden abgelehnt. Diese Grundhaltung im Paarlauf mit der repräsentativ adeligen Lebenshaltung führte zu ständigen Problemen bei der Finanzierung der Passiva und letztendlich zu einer Verringerung des Windisch- Graetzschen Familienvermögens. Die Entfaltung der kapitalistischen Ökonomie erforderten zeitgemäße Strategien der Vermögensverwaltung und Untemehmensfüh- rung. Erst im 20. Jahrhundert begannen betriebswirtschaftliche Überlegungen, ökonomische Planungen und unmittelbare Kontrolle vor Ort in den Alltag der Chefs des Hauses vorzudringen. Der Adelige war dabei sich vom Großgrundbesitzer zum Manager eines Unternehmens zu verändern. Die Autoren zeichnen ein Bild einer hocharistokratischen Familie die stets am monarchischen System und an ihren standesgemäßen Idealen festhielt. Ihr weit entwickeltes Berufsethos und ihre kosmopolitische Weitsicht erleichterten ihnen jedoch nach dem Untergang der Monarchie die Anpassung an die neuen demokratischen Verhältnisse. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45/1997 - Rezensionen Michael Göbl, Wien 318