Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)

HÖDL, Sabine: Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden. Zur Geschichte der Juden in Niederösterreich von 1420 bis 1555

Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45/1997 - Rezensionen dem Hintergrund dieses weitgespannten Kulturbegriffs sind auch Hanáks Studien - allesamt detailreiche Analysen - zu sehen. Der erste Beitrag beschäftigt sich mit der Urbanisierung (S. 17-58), wobei auf den Zusammenhang von Verbürgerlichung und Urbanisierung ebenso eingegangen wird wie auf die Ausprägung der bürgerlichen Wohnkultur und die Ausbildung eines neuen Geschmacks und Stils um die Jahrhundertwende. Es wird hierbei u. a. auf den Unterschied von Mietshäusern und Bürgerhäusern sowie auf die Wohnungseinrich­tung eingegangen, aber auch auf den aus Hanáks Sicht funktionellen Bedeutungsun­terschied zwischen der Wiener Ringstraße einerseits und dem Nagykörút (Großer Ring) und der Sugárút (Radialstraße) in Budapest anderseits. Die zweite Abhandlung hat den Umgang mit dem Tod zum Thema (S. 59-72). Es geht hierin um die zunehmende Entfremdung des Todes und um seine zunehmende Verbürokratisierung in den beiden Großstädten, die Hand in Hand ging mit einer schrittweisen Kommerzialisierung. Die „schöne Leich“ war hier wie dort gesell­schaftlich geradezu ein Muß. Die dritte Abhandlung ist ein Beitrag zur Entwicklung des politischen Denkens. Erarbeitet für den Internationalen Historikerkongreß, der 1985 in Stuttgart tagte, werden in „Das Bild vom anderen“ (S. 73-99) zum einen die Entwicklungslinien beleuchtet, die zur Entstehung des ungarischen Selbstbildnisses führten, zum ande­ren jene, die das Bild von den Minderheiten - insbesondere jenes der Deutschen und der Juden - prägten. Daß letzteres betreffend selbstverständlich auch Vorurteile mit prägend waren, versteht sich gleichsam von selbst. Daß die Typisierung durchaus differenziert, einfalls- und formenreich war - im Falle der Juden noch mehr als in jenem der Deutschen - tut dem keinen Abbruch. Die Conclusio, die Hanäk schließ­lich nach facettenreicher Beleuchtung des Theams zieht, geht dahin, daß für das Bild vom anderen die Wechselwirkung komplexer sozialer und sozial-psychologischer Prozesse ausschlaggebend war, während für den Wandel der ungarischen National- charakteriologie vor allem die Verbürgerlichung der traditionellen Agrargesellschaft eine wesentliche Rolle spielte. Gleich der dritten Abhandlung ist auch die vierte ein Beitrag zur Entwicklung des politischen Denkens. Es geht darin um das Jahr 1898, als die Ungarn ihr 50-Jahr- Jubiläum der Revolution von 1848 begingen und die Doppelmonarchie zugleich das fünfzigjährige Regierangsjubiläum Franz Josephs I. feierte (S. 101-115). Hanák zeigt vor allem die Schwierigkeiten auf, die man ungarischerseits mit dieser Paral­lelaktion hatte und kommt dabei zu dem Schluß, daß das Gemeinschaftsbewußtsein, das hierin zum Ausdruck gebracht wurde nur mehr ein scheinhaftes gewesen sei. Die nächste Abhandlung - „Der Garten und die Werkstatt“ (S. 117-155) - gab der gesamten Publikation ihren Namen und gehört der traditionellen Kulturgeschichte an. Einleitend hierzu stehen Überlegungen Hanáks zum Besitz- und Bildungsbürger­tum sowie zu der von diesem getragenen zeitgeistigen Strömung des Liberalismus. Eingegangen wird weiters auch auf die gesellschaftsstrukturellen Unterschiede zwi­schen Österreich einerseits und Ungarn anderseits. Vor diesem Hintergrund nun 304

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