Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)
HÖDL, Sabine: Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden. Zur Geschichte der Juden in Niederösterreich von 1420 bis 1555
Sabine Hödl Der Freibrief Ferdinands von 1544 betonte das Recht des Lazarus und seiner Familie, sich in Günzburg, in der Markgrafschaft Burgau gelegen, anzusiedeln. Doch Lazarus war mehr daran interessiert, sich in Österreich unter der Enns und hier vor allem in Wien niederzulassen. Gemeinsam mit einer Supplikation vom 1. August 1545 an den Statthalter, Kanzler, Regenten und die Kammerräte legte er seine Freibriefe zur Begutachtung vor, da er dazu aufgefordert worden war. Er bat darum, ihn wegen der vorgebrachten Gnaden- und Freibriefe weiter in Wien bleiben zu lassen84. Der Grund für die Maßnahme der niederösterreichischen Regierung lag in einer Beschwerde der Wiener medizinischen Fakultät gegen den jüdischen Arzt. Die Fakultät hatte die Regierung mit Verweis auf ihre Freiheiten gebeten, dem Juden die Ausübung des Arztberufes in Wien zu verbieten. Am 14. August 1545 erging ein Schreiben der Regierung an Ferdinand I. einschließlich der Freibriefe der zwei gegnerischen Parteien. Die Regiemng hatte zuvor bereits die Argumente beider Seiten überprüft und stellte fest, daß jemand, der ohne Approbierung oder Zulassung durch die Ärzte in Wien praktizierte, von der Regierang oder dem Vizedom aus der Stadt gewiesen werden sollte. Bei Hof sollte nun eine Entscheidung in dieser Sache getroffen werden. Für den Zeitraum, in dem der Fall behandelt wurde, durfte sich Lazarus weiter in Wien aufhalten. Die Regierung gab allerdings noch folgenden Ratschlag an den Hof weiter: Die medizinische Fakultät sollte ihre Freiheiten so behalten, wie sie derzeit bestünden, weil die Juden im allgemeinen ja aus dem Land gewiesen würden85. Die Entscheidung in dieser Sache dürfte jedoch nicht im Sinn der medizinischen Fakultät ausgefallen sein. 1546 findet sich in ihren Akten der Vermerk, daß sie durch ein ihr gewährtes Dekret die Möglichkeit hätte, Juden nach der Berechtigung, sich in der Stadt aufzuhalten und die medizinische Kunst auszuüben, zu befragen. Dies hätte alle Betroffenen verschreckt, nicht jedoch den Juden Lazarus, der sich weiter in der Stadt aufhielte. Da er ständig den Aufenthaltsort wechsle bzw. sich verstecke, sei eine Befragung nicht möglich. Ihm wurde weiters vorgeworfen, sich die Gunst der Fürsten durch Betrag erschlichen zu haben86. Im selben Jahr folgte außerdem die Feststellung, daß in dieser Sache, obwohl damit alle wichtigen Personen befaßt worden waren, kein Ergebnis erzielt werden konnte87. Somit ist nicht auszuschließen, daß Lazarus weiter in Wien lebte88, allerdings könnte er auch für einen gewissen Zeitraum die Stadt verlassen und sich in Wölkersdorf angesiedelt haben. 1549 beschwerte sich der Handsgraf unter anderem wegen doctor Lasanis aigen zue Wolckerstorff, der im Widersprach zu den ihm gewährten Freiheiten Han84 HKA Wien, NÖ HA, Fasz. W 61/C 43, fol. 32r-32v (vor 1545 August 7). 85 Ebenda, fol. 14r-14v+34r mit ausfurhlichem Rückvermerk auf fol. 34v (1545 August 14). Kurz dazu auch Gold: Geschichte der Juden in Wien (wie Anm. 4), S. 15 und Tietze: Die Juden Wiens (wie Anm. 3), S. 47. 86 Acta Facultatis Medicae Universitatis Vindobonensis III. 1490-1558. Auf Veranlassung des medicinischen Doctorencollegiums aus der Originalshandschrift hrsg. von Karl Schrauf. Wien 1904, S. 231. An dieser Stelle möchte ich mich bei Mag. Eveline Brugger bedanken, die mir bei der Bearbeitung dieses Materials geholfen hat. 87 Ebenda, S. 237-238. 88 Gold: Geschichte der Juden in Wien (wie Anm. 4), S. 15 und Tietze: Die Juden Wiens (wie Anm. 3), S. 47, sind der Meinung, daß Lazarus ständig in Wien lebte. 294