Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)

FLÖTER, Jonas: „Wenn wir ihn stürzen können, so sollten wir es je eher je lieber thun, …“ Zum Verhältnis Bismarcks und des preußischen Gesandten in Wien zur ministeriellen Krise in Cisleithanien und zu Beusts Sturz (1869–1871)

.Wenn wir ihn stürzen können, so sollten wir es je eher je lieber thun ... Der Gedanke an das Bismarcksche Wunschbild aus dem Jahre 1868, „einer von Berlin abhängigen, verfassungs- und gesellschaftspolitisch konservativen, weder in Süddeutschland noch im Orient störenden Politik des Kaiserstaates“107, drängt sich hier geradezu auf. Somit verwundert es nicht, daß die preußische Politik Andrássy bereits Mitte Dezember 1871 den Vorzug vor Beust gab108. 4 Obwohl Bismarck in den Jahren zwischen 1869 und 1871 kontinuierlich um Beusts Sturz bemüht war, blieben diese Anstrengungen doch in hohem Maße an die jeweiligen tagespolitischen Gegebenheiten der europäischen Krise von 1870/71 an­gepaßt und erreichten nur in Zeiten relativer politischer Ruhe besondere Höhepunk­te. Dies zeigte sich insbesondere während der Verschärfung der innenpolitischen Krise in Cisleithanien und der sich daraus ergebenden schwer kalkulierbaren öster­reichisch-ungarischen Außenpolitik. Hierbei wurde deutlich, daß Bismarck die inne­re Entwicklung der Habsburgermonarchie ausschließlich nach außenpolitischen Gesichtspunkten beurteilte. Innerhalb dieses Rahmens nahm er eine ambivalente Haltung zu dem liberalen Ministerium Hasner, dem gemäßigt föderalistischen Mini­sterium Potocki bzw. zu dem klerikal-föderalistischen Ministerium Hohenwart- Schäffle ein. Obwohl Bismarck dem Ministerium Hasner entgegen den Berichten des preußi­schen Gesandten anfänglich Einigkeit und Festigkeit bescheinigte, war für ihn kaum vorstellbar, daß in der westlichen Reichshälfte der österreichisch-ungarischen Mon­archie weiterhin zentralistisch regiert werden könne. Als Alternativen sah er nur die Aufrechterhaltung der cisleithanischen Verfassung als „konstitutionelle Mumie“ oder die Einführung einer Föderativverfassung nach Ländergruppen. Da sich bald herausstellte, daß beide Varianten im preußischen Interesse liegen konnten, hielt es Bismarck in der Zeit der sogenannten „labilen Entspannung“109 anscheinend nicht für nötig, eine Entscheidung zu treffen. Die Einführung einer Föderativverfassung hätte die Habsburgermonarchie dauerhaft geschwächt, und infolge einer Aushöhlung der Dezemberverfassung wäre Beust die politische Grundlage entzogen worden. Im Vorfeld und während des französisch-preußischen Konflikts mußte sich die Aufmerksamkeit der Politik Preußens stärker auf die innenpolitischen Ereignisse in Cisleithanien richten. Bismarck erkannte dabei zwei durch das Ministerium Potocki möglich gewordene Entwicklungen als durchaus vorteilhaft an. Zum einen wurde durch die Stimulierung der klerikal-konservativen Kräfte in Cisleithanien eine Stär 107 Lutz: Österreich-Ungarn und die Gründung des Deutschen Reiches, S. 121. 108 Anläßlich der Durchreise Beusts in Paris, wo ihm zu Ehren Thiers ein großes Diner gab, äußerte Bis­marck: „Graf Beust hat von neuem bewiesen, wie sehr wir Ursache haben, zufrieden zu sein mit dem Tausch, den die politische Leitung der Geschäfte in Wien gemacht hat, und der uns eine mehr sachliche und weniger von persönlichen Interessen und Bedürfnissen bedingte, daher stetigere und ernstere Politik in Aussicht stellt.“ (Busch: Tagebuchblätter. Bd. 2, S. 296). 109 Sommer 1869 bis Juni/Juli 1870 (Lutz: Österreich-Ungarn und die Gründung des Deutschen Reiches, S. 154). 269

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