Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)

ERNST, Hildegard: Geheimschriften im diplomatischen Briefwechsel zwischen Wien, Madrid und Brüssel 1635–1642

Text d ist auf Spanisch abgefaßt, die beiden fehlerhaften Schreiben auf Italienisch. Möglicherweise mußten die Chiffreure unter Zeitdruck arbeiten und schrieben die Zeichen größtenteils aus dem Gedächtnis nieder. Da mehrere Codes parallel verwen­det wurden, konnten Verwechslungen umso leichter Vorkommen. Kamen dann noch Unsicherheiten in der Sprachbeherrschung hinzu, so waren Fehler wohl unvermeid­lich. Bei den beiden fehlerhaften Kryptogrammen handelt es sich um die Zusammen­fassung eines Vertrages vom 15. Januar 1642, der zwischen Melho und dem kaiserli­chen Hofkriegsrat Traun über die Abstellung von Truppen für die spanischen Nie­derlande und Spanien ausgehandelt worden war (Text e; mit Code F verschlüsselt)10 11, und einen Bericht des spanischen Gesandten Castel Rodrigo über Abmachungen mit dem Kaiser betreffs Abstellung von Truppen für Mailand (Text f; mit Code E ver­schlüsselt)". Die bei Text e liegende Auflösung korrigiert die zahlreichen Fehler stillschweigend. Dagegen zeigt die zu Text f gehörende Dechiffrierung, daß der Sekretär des Empfängers, vermutlich weil auch er des Italienischen nicht ganz mächtig war, Schwierigkeiten mit dem Entziffern hatte. Der Historiker, der sich für den Inhalt der Abmachung interessiert, wird gut daran tun, mit Hilfe des rekonstru­ierten Codes auf das Kryptogramm zurückzugreifen, um sich Klarheit zu verschaf­fen. Gelegentlich kann auch die Handschrift des Ziffemsekretärs zu Konfusionen füh­ren. So schreibt z. B. der sorgfältige Chiffreur von Text d manche Zahlen in einer Form, die wie Buchstaben aussehen, z. B. 165 wie „ibs“, 191 wie „igi“. Man ge­wöhnt sich schnell an solche Eigenheiten. Probleme gibt es eher mit der Handschrift in den beiliegenden Auflösungen. Hier kann das Kryptogramm, wenn man den Code erst einmal rekonstruiert hat, oft gute Dienste leisten. Die Analyse der Codes E und F und deren Anwendung hat gezeigt, daß es in der Reichskanzlei um die Mitte des 17. Jahrhunderts offensichtlich den Ziffemsekretären überlassen war, wie sie die Geheimschriften anwandten. Viele Grundregeln der Chiffriertechnik wurden mißachtet, so daß dem Feind der Einbruch in den Code erleichtert wurde. Es hat sich aber auch herausgestellt, daß allzu große Sorgfalt bei der Verschlüsselung durchaus ein Sicherheitsrisiko darstellen konnte, und daß um­gekehrt eine schlampige Arbeitsweise sowie Anwendungsmethoden, die der Chif­frenkonstrukteur gar nicht vorgesehen hatte, geeignet waren, die Enttarnung eines Kryptogramms zu erschweren. Geheimschriften im diplomatischen Briefwechsel zwischen Wien, Madrid und Brüssel 10 HHStA Wien, Kriegsakten 142, fol. 309-314 (ohne Abbildung). 11 HHStA Wien, Kriegsakten 144, fol. 86-91 (ohne Abbildung). 221

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