Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
BENL, Rudolf: Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 im Spiegel eines zeitgenössischen Briefes
Rudolf Beni Herr Hagemann, in der Zahl dieser mitrechnen zu dürfen und daß die große Entfernung nicht imstande gewesen ist, ein Wohlwollen bei Ihnen zu vertilgen, das mich einst so glücklich machte. Die hiesigen Begebenheiten des Tages erinnern mich so mancher angenehmen und frohen Unterhaltung in Ihrer Gesellschaft, keiner aber lebhafter als derjenigen, wozu die Zusammenberufung des Wiener Congresses Anlaß gab . Niemand vermochte damals wohl den Wunsch zu ersticken, eine Reise nach Wien machen zu können, mancher schöne Plan ward gemacht, doch an einem Wenn oder Aber scheiterten alle Entwürfe. Damals träumte es mir wahrlich noch nicht, daß fast der ganze Congreß die Artigkeit haben würde, mich einer so großen Reise zu überheben und sich zu mir zu bemühen. Durch die Zeitung wird es Ihnen gewiß längst bekannt sein, daß Heidelberg die beglückte Stadt ist, die sich die Gewaltigen dieser Erde zum Aufenthalt erkoren haben. Bei den naheliegenden Städten Mannheim, Frankfurth usw. soll diese Auszeichnung des kleinen Heidelbergs (welche übrigens wohl keine andere Ursache hat, als unserm Großherzog eine prachtvollere Bewirtung zu ersparen) einen so großen Neid erregt haben, daß mancher Artikel, der an die Zeitungsexpedition eingesandt ward, gar nicht eingerückt worden ist, daß Manheim sogar schreibt, es sei bereits ein Teil des Hauptquar- tirs eingetroffen und die Ankunft der hohen Monarchen werde täglich erwartet. Obgleich nun das Hauptquartir gestern nach Freyburg verlegt istc, so werden die Kaiser, ehe sie auf französischem Boden sind, wohl nirgends anders sich aufhalten als hier. Jene Feindschaft also läßt mich hoffen, daß nicht alles, was mein Brief enthält, Ihnen bekannt sein wird und ich vielleicht das Glück haben kann, einige Ihnen interessante Neuigkeiten zu geben. Nachdem die badische Landwehr und die ganze in jeder Rücksicht unvergleichlich schöne baierische Armee hier durchgegangen war, folgte ihr Anführer, von den großen Häuptern der erste, Fürst Wrede, ein Mann in seinen besten Jahren, von schönem Gesicht, Wuchs und Anstande. Sein Vater war hier6. Er selbst wurde fideler Streiche wegen von hier relegirt. Nachher Forstbedienter im Odenwalde, einem unmittelbar an die Stadt grenzenden Waldgebirge, wußte er die dortigen Bauern so gut zu postiren, daß die Franzosen nicht nur nicht einzudringen vermochten, sondern in einigen Affairen derbe zusammengehauen wurden. Dies machte sein Glück. Er wurde mit lebhaftem Zuruf empfangen und begab sich nach Manheim. Darauf folgten denn die lieben Oesterreicher, so recht noch die alten steifen Krieger, wie ich mir die Kaiserlichen vor ein paar hundert Jahren denke. Altes Exercitium, alte Zucht und derbe Korporalstöcke; übrigens sind es derbe Kerls, trefflich einexercirt und haben einzig schöne Musik. Unter andern liegt hier auch das Grenadierbataillon vom Regiment König von Dänemark. Durch den unmittelbar hierauf folgenden Fürsten Schwarzenberg ward Heidelberg zum Hauptquartir. Es ist dieser ein noch nicht bejahrter Mann, nicht groß gewachsen, aber von einer solchen Peripherie, daß er einem jeden 3 Schritte vom Leibe bleiben muß, er mag nun wollen oder nicht. Dabei sind aber seine Gesichtszüge kräftig und lebhaft. Seine Gemahlin, die sich auch hier befindet, ist in Hinsicht der Corpulence das gerade Gegenteil, ziemlich bejahrt und nicht eben übermäßig schön. Um diesen so ausgezeichneten Mann möglichst zu ehren, ward von den Studenten ein Fackelzug beschlossen, den er sich anfangs zwar als eine zu große Huldigung verbat, nachher aber doch sich gefallen ließ. Ein Zug von etwa 300 Fackeln soll einen unvergleichlich schönen Anblick gewährt haben. Den chapeaux d’honneur versicherte er, vor Rührung wisse er seinen Dank nicht auszudrücken. Diese wurden am folgenden Tage zur Tafel geladen, wo ihnen mit ausgezeichneter Achtung begegnet wurde. Darauf kündigte die Ankunft von 80 auserlesenen Schimmeln, kaiserlichen Kutschpferden und der Nobelgarde, nur bestehend aus den Magnaten des Reichs, auf das kostbarste gekleidet, den Kaiser von Oesterreich an. Am* 8 kam er dann selbst, der alte Franz, und der Zuruf einer ungeheuren Menschenmasse bewillkommncte ihn. Die Erzherzoge Johann, Carl, der in Mainz commandirt, und Palatin, Vicekönig von Hungam, und der Kronprinz1 waren hier. An allen bemerkt man eine große Familienähnlichkeit, körperliche b Vorlage: gaben. c Nachträglich eingefugt. d Nachträglich über der Zeile eingefugt. Hier Raum für die dann nicht erfolgte Eintragung des Berufes. Nachträglich über der Zeile eingefügt. 8 Hier blieb ein Freiraum für die dann nicht erfolgte Eintragung des Tages. Hier blieb ein Freiraum für die dann nicht erfolgte Eintragung des Namens. 84