Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

weiteren Kriegsvorsorgen und Aufmarscharbeiten. Strategisches Ziel der öster­reichisch-ungarischen Armee in Galizien war die einseitige Umfassung der russischen Südwestarmee. Zu diesem Zweck hatte die bedeutend verstärkte 3. Armee „in der allgemeinen Richtung auf Rowno den rechten Flügel der russi­schen Südwest-Armee anzugreifen“, während die 1. und 2. Armee „im Raum zwischen Weichsel und Bug nordwärts vorzugehen“ hatten135. Auch Franz Freiherr Conrad von Hötzendorf, der im Oktober 1906 die Ge­schäfte des österreichisch-ungarischen Generalstabschef übernahm, behielt in seinen Operationsplänen die Grundgedanken Becks bei. Durch eine Offensive auf die sich in Südpolcn konzentrierenden Russen zwischen Bug und Weichsel wollte er diese nach dem Süden abziehen, um Berlin, Wien und Budapest vor feindlicher Invasion zu sichern. Bei einem Mißerfolg der Offensive wäre die Verbindung nach Westen und damit der Kontakt zu den von dort erwarteten deutschen Trappen gewahrt worden. In diesem Fall bestand Conrads leitender Gedanke darin, vereint mit deutschen Verbänden, „Rußlands Übermacht all­mählich zu mindern und im entscheidenden Stoß schließlich zu brechen“136. Die bereits vorhandenen gravierenden Probleme der deutschen und österrei­chisch-ungarischen Planungen im Osten wurden zusätzlich durch abenteuerliche Elemente der österreichisch-ungarischen Aufmarschplanung verstärkt. Da war zum einen die zunehmende militärische Frontstellung gegen Italien, die sich bereits unter Beck in Aufmarschvarianten gegen den „verbündeten Feind“ kon­kretisiert hattel37 138. Zum anderen führte der Aufstieg Serbiens, das die machtpoli­tische und wirtschaftliche Durchdringung des Balkans durch Österreich-Ungarn behinderte, in Wien zu einer feindlichen Fixierung des südlichen Nachbarstaates und zu antiserbischen Aufmarschplänen13S. Und obwohl sie enorme militärische Risiken in sich bargen, wurden die österreichisch-ungarischen Kriegspläne ge­gen Rußland - ab 1909 auch gegen Serbien - politisch von Deutschland geteilt. Die Kräfteaufsplitterang gegen mehrere mögliche Gegner (Rußland, Serbien, Italien ab 1913/14 sogar Rumänien) erschwerte jedoch eine konzentrierte Aktion gegen den Hauptgegner Rußland. Diese Tatsache fiel um so bedeutsamer ins Gewicht, als Österreich-Ungarn zu Beginn des Krieges die Hauptlast der Kämpfe im Osten tragen mußte. Die Habsburgermonarchie hatte sich nach zu Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung 135 KA Wien, Generalstab, Operationsbüro, Fasz. 670, fol. 177-208, hier fol. 200-200v (,Geschichte des Aufmarsches gegen Rußland vom Jahre 1880 bis 1905“). 136 Conrad [von Hötzendorf, Franz Fhr.:] Aus meiner Dienstzeit 1906-1918. Bd. 1. Wien [u.a] 1921, S. 372. 137 D e g r e i f, Diether: Operative Planungen des k. u. k. Generalstabes für einen Krieg in der Zeit vor 1914 (1880-1914). Wiesbaden 1985, S. 11, S. 37-41, S. 45, S. 85-88 (unter Beck), S. 236-266 (unter Conrad). Zur Problematik der gegen den Dreibundpartner Italien gerichteten Kriegsplanungen Österreich-Ungams vgl. Pantenius, Hans Jürgen: Der Angriffsgedanke gegen Italien bei Conrad von Hötzendorf. Ein Beitrag zur Koalitionskriegfuhrung im Ersten Weltkrieg. Bd. 1. 2. Köln-Wien 1984 und B e h n e n, Michael: Rüstung - Bündnis - Sicherheit. Dreibund und informeller Imperia­lismus 1900-1908. Tübingen 1985. 138 D e g r e i f: Operative Planungen des k. u. k. Generalstabes, S. 42-44, 89-99; J e f á b e k , Rudolf: Potiorek. General im Schatten von Sarajevo. Graz-Wien-Köln 1991, S. 97-106. 65

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