Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
Jürgen Angelow gebracht113. Ritter meinte, daß Wilhelm II. bereits 1904 die Verabschiedung des General Stabschefs in Betracht zog, weil er dem wortkargen und steifen alten Gentleman überdrüssig geworden war114. Es ist hingegen sehr wahrscheinlich, daß die politische Führung in Berlin Schlieffen als ungeeignet empfand, die zunehmend gewünschte und in der bosnischen Krise durchgeführte politischmilitärische Annäherung an Wien zu vollziehen, weshalb sie ihn ersetzen wollte. Nach seiner Pensionierung - außerhalb der Verantwortung stehend - äußerte sich Schlieffen mehrfach sehr pessimistisch über die Chancen Deutschlands in einem Krieg. Derartige Meinungsäußerungen hätten während seiner Amtszeit zwingend operative Konsequenzen hervorrufcn müssen, die nun aber unterblieben. Auf dem Höhepunkt der bosnischen Krise erfolgte in der Deutschen Revue vom 1. Januar 1909 die Veröffentlichung eines Artikels aus der Feder des Ex- Generalstabschefs, in dem dieser die militärische Lage der Zweibundmächte außerordentlich ernst einschätzte “5: Der eiserne, um Deutschland und Österreich geschlagene Ring war nur noch nach dem Balkan zu offen geblieben. Auch diese Lücke ist jetzt durch die Türkei, Serbien und Montenegro ausgefiillt worden, während Bulgarien und Rumänien in das österreichische Lager gedrängt werden. Damit ist die militärische Lage Europas gegeben. In der Mitte stehen ungeschützt Deutschland und Österreich, ringsherum hinter Wall und Graben die übrigen Mächte. Der militärischen Lage entspricht die politische. Zwischen den einschließenden und den eingschlossenen Mächten bestehen schwer zu beseitigende Gegensätze (der französisch-deutsche, der slawisch-germanische, der italienisch-österreichische). Es ist nicht ausgemacht, daß diese Leidenschaften und Begehrlichkeiten sich in gewaltsames Handeln umsetzen werden. Aber das eifrige Bemühen ist doch vorhanden, alle diese Mächte zum gemeinschaftlichen Angriff auf die Mitte Zusammenzufuhren. Im gegebenen Augenblick sollen die Tore geöffnet, die Zugbrücken herabgelassen werden und die Millionenheere über die Vogesen, die Maas, die Königsau, den Niemen, den Bug und sogar über den Isonzo und die Tiroler Alpen verheerend und vernichtend hereinströmen ... Diesen pessimistischen Bedenken Schlieffens trat Reichskanzler Bülow aus politisch-wirtschaftlichen Erwägungen energisch entgegen, indem er sie als „ultrapessimistisch, flau machend, alarmistisch im Hinblick auf uns wie auf unsere Gegner“ verdrängte116. Der Erwartungsdruck der politischen Führung des Reiches gegenüber den militärischen Planungsstäben hatte sich - wie das Beispiel zeigt - in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts bedeutend verstärkt. Schlieffens pessimistische Deutungen der operativen Aussichten Deutschlands in einem künftigen Krieg seiner letzten Lebensjahre wurden von seinem Nachfolger, Moltke d. J., der sich der Aufgabe als Generalstabschef zu Recht nicht gewachsen fühlte117, durch eine sich abwechselnde Mischung von überheblicher C r a i g : The Politics of the Prussian Army 1640-1945, p. 286. 114 R i 11 e r : The Schliefifen Plan, p. 109-111. 115 Zit. nach Kiderlen-Waechter: Der Staatsmann und Mensch. Bd. 2, Anm. S. 20 f. 116 B Arch Koblenz, NL 16, Nr. 153, fol. 295. 117 Zum Urteil Alfred Graf Waldersees über Helmuth von Moltke d. J.: „Sie machen bei Schlieffen- Moltke ein Fragezeichen. Das verstehe ich wohl u. habe in Berlin manch Schütteln des Kopfes wahrgenommen. Auch dies ist ein Kapitel, das nur mündlich behandelt werden kann ...“: B Arch MA Freiburg i. Br., N 182, 17, fol. 92 (Alfred Graf Waldersee an Conrad von Bartenwerffer. Hannover, 58