Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
STRIMITZER, Birgit: Der k. k. Staatsrat Friedrich Freiherr Binder von Krieglstein, Freund und Sekretarius des Staatskanzlers Kaunitz. Ein Beitrag zur Klientelpolitik der maria-theresianischen Epoche
(248), als völlig unangemessen zurückweisend („Die polyphonen Wahrheiten der Komplexität sind befreiend, und es werden mich jene begreifen, die wie ich im geschlossenen Denken, in der geschlossenen Wissenschaft, unter den bornierten, amputierten, arroganten Wahrheiten ersticken“ - 254), so näherte er sich in seinem 1987 in Paris erschienenen Werk „Penser l’Europe“ (deutsch: „Europa denken“) auf nicht weniger unkonventionelle, „fächer“überschreitende, dem Wissen um die das Denken befreienden „polyphonen Wahrheiten der Komplexität“ verpflichtete Weise dem historischen und gegenwärtigen Phänomen „Europa“. Die erste Annäherung ist autobiographisch („Erinnerungen eines Anti- Euröpäers“): der Weg eines „Linken“ der Resistance, eines Europa mißtrauenden Juden, eines „Internationalisten“, eines „planetarisch“ Denkenden zu einem neuen, zwischen 1945 und 1975 zunächst fast unbemerkt heranreifenden „europäischen Bewußtsein“. Die zweite Annäherung („Die Metamorphosen Europas“) ist im weitesten Sinne eine „historische“ - an eine in Jahrhunderten gewachsene „unitas multiplex“ (29), deren „Identität“ („eine Identität in der Nicht-Identität“, 29) ausschließlich „ im Werden und in der Metamorphose“ (67) liegt. Die dritte Annäherung („Der kulturelle Nährboden“) ist am ehesten als eine geistes- und kulturgeschichtliche (mit stetem Blick - das ganze Buch hindurch - auf die europäische und Welt-Gegenwart!) zu verstehen: Europa, das ist die „rastlose Suche nach neuen Grundlagen und deren fortwährende Problematisie- rung durch immer neue theologische, philosophische, theoretische und ethische Antworten“ (81), griechische und jüdisch-christliche Renaissancen stehen in Streit und Wechselwirkung; das (genuin europäische!) „Abenteuer des Humanismus“ scheitert an sich selbst und - darf nicht endgültig scheitern („ein anderer Humanismus, der ein Erbe des ursprünglichen Humanismus ist“, ist „möglich“, in Metamorphosen, „mit anderen Mitteln und auf anderen Ebenen ... “, 94); die „Abenteuer der Vernunft“ münden einerseits in „neue Formen der Barbarei“ („bornierter Technizismus“, „blinder Wissenschaftspositivismus“) und führen im Bunde mit der „alten Barbarei von Macht, Herrschaft und Gewalt“ (101) zu den „schlimmsten Rückschritten der Geschichte“ (Auschwitz und Kolyma), sie schaffen aber andererseits jene zerbrechliche, nur in permanenter Selbstkritik mögliche, offene Rationalität, die nicht nur vor ihren äußeren Feinden geschützt werden muß, „sondern auch vor dem Logikwahn und dem Dämon Mythos, der sie von innen her zersetzt“ - geschützt und verteidigt als „letzte und kostbarste Frucht, die Europa in seinem Niedergang der Welt bescheren kann“ (105); das „Abenteuer der Naturwissenschaft“ bringt der Welt ein ihr gemäßes, wahrhaft universales Geschenk, aber die Universalität der wissenschaftlichen Erkenntnis ist begleitet von der Universalität der unkontrollierten Entwicklung der Technik; das „Abenteuer des Denkens“ führt zur europäischen „Erfindung“ der Intellektuellen, der Problematisierer schlechthin, bedroht und gefährdet in beiden Hälften Europas, in einer tiefen, vielfältigen Krise dem Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44/1996 - Rezensionen 389