Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
AGSTNER, Rudolf: Das Palais Polowzow als k. u. k. Botschaft in Sankt Petersburg 1886–1914
Rudolf Agstner VII Nach dem Frieden von Brest-Litowsk wurde im Juli 1918 die österreichischungarische Kriegsgefangenen-Mission im Botschaftspalais untergebracht. Nach der Ausrufung der Republik Österreich am 12. November 1918 bemächtigte sich der Petrograder österreichisch-ungarische Soldatenrat des Gebäudes. Bald ging es in dem damaligen k. u. k. Botschaftspalais höchst undiplomatisch zu. Der Liquidierungskommissär der tschechoslowakischen Republik für den Bereich des ehemaligen k. u. k. Ministeriums des Äußeren, Prochaska, wandte sich am 5. Febmar 1919 an das liquidierende Ministerium des Äußern. Von vertrauenswürdigen, soeben aus Rußland heimgekehrten Personen ... verständigt, daß das ehemalige österreichisch-ungarische Botschaftspal als in Petrograd von einer aus etwa 80 Soldaten der früheren österreichisch-ungarischen Armee zusammengesetzten Bolschewiki-Bande besetzt gehalten wird und daß diese Elemente die Einrichtung des Botschaftspalais und die während des Krieges seitens Staatsangehöriger sicherheitshalber darin deponierten Gelder und Wertgegenstände plündern bzw. entwenden und draußen verkaufen. Die einzige Nation, die gegenwärtig in Petrograd noch einiges Ansehen genießt und von der bolschewistischen Regierung im allgemeinen respektiert wird, soll die dänische sein. Nachdem es sich hier zweifellos um wertvolles Liquidationsmaterial handelt ... falls gegenwärtig überhaupt tunlich, das Geeignete zur Wahrung unseres gemeinsamen Eigentums in Petrograd veranlassen zu wollen. Seitens des liquidierenden Ministeriums des Äußern in Wien wurde bemerkt, daß „... auch die dänische Regierung gegenwärtig nicht mehr in der Lage ist, in Petersburg einen Schutz auszuüben ... Es liegt sohin vorläufig die absolute Unmöglichkeit eines Schutzes der ... Interessen vor“71. Am 6. Febmar 1919 berichtete k. u. k. Gesandter Konstantin Graf Dcym aus Kopenhagen, daß Oberleutnant Mühlbauer, der als Rechnungsführer der Kriegsgefangenen-Mission in Petrograd zugeteilt war, in Kopenhagen eingetroffen sei. Mühlbauer sollte nach Petrograd zurückkehren und versuchen, von den in der ehemaligen k. u. k. Botschaft installierten Soldatenräten die Kassenbestände zu erhalten. Letztere betragen in Petersburg 2 Mio., welche hieher überfuhrt werden, und im übrigen Sovjet- Russland zirka 5 Mio. Rubel. Missionsarchiv ist in Händen des Rates in Moskau, kaum erlangbar. Für geplante Schlußrechnung in Wien wäre Mitnahme ganzen Archivs und aller Rückstände seit 1917 nötig. Zahlreiche Abrechnungen, speziell von abgeschnittenen Gebieten und von Exposituren, seit Oktober 1918 von Räten überhaupt, fehlen, daher Schlußrechnung nicht durchführbar. Überführung vorhandener Akten wäre dennoch geboten. Wem sollen Botschaftsgebäude, Lebensmittel, Monturvorräte, Automobile und Einrichtungen übergeben werden? Erbitte umgehend Bescheid für Mühlbauer, welchen er hier abwartet, obwohl seine Rückreise dringend7“. Der liquidierende Minister des Äußern, Ludwig Freiherr von Flotow, wies Devm am 17. Februar 1919 telegraphisch an, Mühlbauer mitzuteilen: Archiv der Republik [AdR] Wien, Neues Politisches Archiv, Karton 667, fol. 782, Bericht des Liquidierungskommissärs der tschechoslowakischen Republik für den Bereich des ehemaligen k. u. k. Ministeriums des Äußern Nr. 2 an das liquidierende Ministerium des Äußern vom 5. Februar 1919. HHStA Wien, AR, Fach 6/68, St. Petersburg-71, ad ZI. 114.066/6 aus 1919, Telegramm Nr. 836 des Grafen Deym aus Kopenhagen vom 6. Februar 1919. 18