Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

AGSTNER, Rudolf: Das Palais Polowzow als k. u. k. Botschaft in Sankt Petersburg 1886–1914

V. Schilderungen über das Leben an der k. u. k. Botschaft sind selten. Zwar ha­ben einige der Diplomaten, die in St. Petersburg stationiert waren, Memoiren57 verfaßt, diese enthalten aber keine Beschreibungen über das Leben der k. u. k. Diplomaten in St. Petersburg. Marie Gräfin Trautmansdorff58, Gattin von Karl Graf Trauttmannsdorf59 60, der von 1903 bis 1905 Legationssekretär an der Botschaft in St. Petersburg war, erinnert sich an ihr Leben in St. Petersburg: Ende Mai 1905 - kurz nach unserer Heirat - trafen wir in St. Petersburg ein ... Vorerst wohnten wir im Hotel, dann ... entschlossen wir uns, Caris Garconwohnung im Botschaftspalais zu beziehen, wo wir etwas eng aber gemütlich bewohnt waren. Küche und Speisezimmer lieh uns College Baron Forster in seiner Wohnung einen Stock tiefer, mehr brauchten wir nicht. Das Botschaftspalais zu je­ner Zeit war ein schönes großes Gebäude mit 3 Höfen ... Unsere Gesellschaft spielte sich meist am Poloplatz ab, wo die Herren unserer Botschaft, sowie der englischen und amerikanischen, und einige Russen ... u. a. fast täglich spielten. Sonntags waren wir meist bei unserem Botschafter Graf Aeh- renthal und seiner Gemahlin, geb. Gräfin Széchényi, eingeladen, die in Tzarske Selo eine Villa für den Sommer gemietet hatten. Wir blieben oft auch Übemacht; das war nett und angenehm, beson­ders, wenn es in der Stadt recht heiß war. Im allgemeinen verlief der St. Petersburger Aufenthalt recht angenehm, für uns waren es verlängerte Flitterwochen, die Kanzleiarbeit fur Cari war aller­dings im Hochbetrieb. Der Botschafter am Lande, der Botschafter auf Urlaub, dabei Kriegszustand und zur Zeit Kanzleichef. Oft wurde er nachts geweckt, um eingelaufene Telegramme zu dechiffrie­60 ren ... Der spätere ungarische Außenminister Imre Graf Csáky61 erinnert sich an sei­ne Verwendung als Legationssekretär in St. Petersburg (1907-1909): Die durch unseren Botschafter, Graf Leopold Berchtold, in den prachtvoll eingerichteten Räumen der Botschaft auf der Sergejewskaja mit viel Sachverständnis und Geschmack veranstalteten Emp­fänge ... übertrafen jedoch alle an Glanz ... hatte ich die Gelegenheit, einer dieser glänzenden Ver­anstaltungen beizuwohnen und das farbenprächtige Bild zu bewunderten, welches durch die Man­nigfaltigkeit und den Reichtum der verschiedensten, oft etwas exotisch anmutenden russischen Mili­tär- und Zivilgalauniformen, die einen prächtigen Hintergrund zu den auserwählten Toiletten und zu dem funkelnden Juwelenschmuck der anwesenden Damen abgaben, hervorgerufen wurde. Damals war es nämlich noch üblich ...., daß ein ncuemannter Botschafter, nachdem er sein Beglaubigungs­schreiben überreicht und den vor ihm akkreditierten Kollegen seinen Antrittsbesuch abgestattet hat­te, auf seiner Botschaft einen offiziellen Empfang veranstaltete, bei welchem ihm als persönlicher Vertreter seines Herrschers, die einheimischen Hof-, Zivil- und militärischen Würdenträger und die ganze Gesellschaft durch einen einheimischen Zeremonienmeister feierlich vorgestellt wurde. Zu diesem Zwecke wurde im großen Zeremoniensaal der Botschaft auf einer erhöhten Estrade unter dem Bildnis des eigenen Herrschers ein der Wand zugewendeter Thronsessel aufgestellt, vor wel­chem der Botschafter und, falls er verheiratet war, seine Gemahlin standen und die zeremonielle Das Palais Polowzow als k. u. k. Botschaft in St. Petersburg Dumba, Constantin: Dreibund- und Entente-Politik in der Alten und Neuen Welt. Wien 1931, S. 13—43; Musul in, Alexander Freiherr von: Das Haus am Ballhausplatz. München 1924, S. 77-103. 58 Geb. Prinzessin Auersperg, * Wien 15. Jänner 1880, j Weißenegg 6. Mai 1960; Heirat 2. Mai 1905. 59 * Oberwaltcrsdorf 5. Mai 1872, | Weißenegg 2. April 1951. 60 Aus dem Tagebuch der Marie Gräfin Trautmannsdorff, geb. Prinzessin Auersperg, Kapitel: Wander­leben (1905-1920): Der Autor dankt Marie Rutherfurd, New York, für die Erlaubnis zum Abdruck. 61 * Szepesmindszent 16. Februar 1882, f Santa Cruz, Teneriffa 22. Mai 1961, ungarischer Außenmi­nister von 22. September bis 16. Dezember 1920. 15

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