Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
AGSTNER, Rudolf: Das Palais Polowzow als k. u. k. Botschaft in Sankt Petersburg 1886–1914
Rudolf Agstner Kanalisierung: ... St. Petersburg besitzt keine Kanalisierung im modernen Sinn; die Stadt ist nur durch ein Netz von Holzkanälen durchzogen, in welche die Abwasserläufe münden ... Die hierorts altübliche Art der Kanalisierung der Häuser im Innern, derselben besteht gleichfalls aus hölzernen, geteerten Kanalsträngen ... weiters hölzernen Zweikammersenkgruben und hölzernen Schächten ... Die derzeitige Kanalisierung des k. u. k. österr. ungar. Botschaftspalais besteht gleichfalls aus Holzröhren und Schächten obiger Konstruktion aus der Zeit der Errichtung des Hauses und ... stellt jedoch einen ... in sanitärer Beziehung höchst bedenklichen, für österreichische Begriffe in einem Gebäude solcher Bedeutung direkt beispiellosen Zustand dar ... Pflasterarbeiten: Die Gassenfahrbahn aus Holzstöckeln - deren Erhaltung hier dem Hausbesitzer obliegt - ist in einem defekten Zustand, sodaß die Polizei schon deren Erneuerung angeordnet hat. Pferdeställe: Dieselben sind in einem recht schadhaften Zustand, besonders die Fussböden aus Brettern sind verfallen und höchst defekt und lassen die Stallflüssigkeiten in den Boden versickern; außerdem macht sich hier auch eine Rattenplage bemerkbar ... Allgemeiner Abtritt: Zur Unterhaltung eines öffentlichen Klosetts war bisher jeder Hausbesitzer verpflichtet. Da diese Verpflichtung jedoch jetzt aufgehoben worden ist, und das betreffende Klosett in einem unbeschreiblichen Zustand sich befindet, ist es am besten, es ganz aufzulassen ... Betonierung des Hofflügels im Parterre: Ein Teil des Parterres (zweiter Hof), in welchem sich Dienerwohnungen befinden, ist nicht unterkellert, die Fußböden liegen direkt auf der Erde und sind der Erdfeuchtigkeit ausgesetzt - bei geschlossenen Fenstern ist der Geruch in den Räumen muffig ... an einigen Stellen liegt der Fußboden gänzlich hohl und schwingt beängstigend, sodaß eine Einbruchsgefahr besteht. Außerdem zeigen sich in manchen Wohnungen (Jägerwohnung) zeitweise viele Ratten ... Wagenremisen (linksseitig von der Durchfahrt): Fußboden ... ist sehr beschädigt, die Balken, auf welchen derselbe liegt, sind in schlechtem Zustande; der Hohlraum zwischen Fußboden und Erde bietet Ratten einen willkommenen Aufenthaltsort... Eiskeller: Die vorhandenen Eiskeller sind in einem sehr schlechten, kaum brauchbaren Zustand, halten ausserdem nur äusserst ungenügend das Eis; zur Behebung dieser Mängel ist eine gründliche Rekonstruktion derselben notwendig ... Holzlager im letzten Hof: Bauzustand ... direkt ruinös, was bei der grossen Belastung, die dieselben besonders im oberen Geschosse zu tragen haben, bedenklich ist... Fussbodenisolation der Konsulatskanzlei: In der Konsulatskanzlei zeigt sich eine sehr störende Fußbodenkälte, welche selbst in der warmen, besonders jedoch in der kalten Jahreszeit die Benutzbarkeit der Kanzleien sehr erschwert... Torfisolation zur Vermeidung dieses Obeistandes am Platze ... Die Kosten für alle für notwendig befundenen Gebäudeerhaltungsarbeiten waren mit 25.500 Rubel veranschlagt. Weiters hatte Botschafter Berchtold die Herrichtung eines neuen Tanzsaales als notwendig erachtet, da der bisherige mit einer Größe von 8,5 x 12,5 Meter zu klein war. Der Gutachter schlug vor, im zweiten Hof einen Raumkomplex zu adaptieren, der einen Tanzsaal von 9,2 x 16 Meter ergeben hätte. Die Kosten hiefür hätten sich auf 10.000 - 12.000 Rubel belaufen. Auch der Zustand der Dvornikwohnungen war unbefriedigend. Hier lebten in 3 Räumen 18 Personen. Eine Möglichkeit zur Abhilfe wäre durch Aufbau eines Stockwerkes auf dem Wagenremisentrakt gegeben gewesen, was Kosten von ca. 10.000 Rubel verursacht hätte. Insgesamt errechnete der Gutachter Baukosten von 35.500 Rubel. Obwohl die Sanierung der Sanitäranlagen und die Umbauten dringend gewesen wären, kam es nicht dazu, da „der herrschenden Cholera wegen die großen Kanalisierungsarbeiten in den Höfen dieses Botschaftshotels nicht vorgenommen werden können“, wie Berchtold im April 1909 berichtete. Er beschränkte sich 12