Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

MALFER, Stefan Der Kampf um die slawische Liturgie in der österreichisch-ungarischen Monarchie – Ein nationales oder ein religiöses Anliegen? Mit einem unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Papst Leo XIII. und Kaiser Franz Joseph I

Stefan Malier Es ist bekannt, daß sich Josip Jurái Strossmayer, 1850-1905 römisch- katholischer Bischof der in Ostkroatien gelegenen Bosnisch-Syrmischen Diözese mit Sitz in Djakovo (Kirchenprovinz Agram) und 1851-1897 Apostolischer Administrator für die Katholiken in Serbien, für die Ausdehnung des Privilegs der slawischen Liturgie auf alle katholischen Slawen bzw. wenigstens Südslawen eingesetzt hat, und daß er mit diesem Anliegen nicht durchdringen konnte* 3. Rom hat lediglich die bestehenden Privilegien bestätigt. Nur in einem einzigen Fall kam es zu einer Ausdehnung: 1887 wurde das Privileg im Zug des Ab­schlusses des Konkordats mit Montenegro auch der montenegrinischen Diözese Antivari/Bar verliehen. Während Eduard Winter (1950)4 den Grund des Scheiterns der Bemühungen Strossmayers für die slawische Liturgie bloß in „entgegenstehenden Schwierig­keiten in der Kurie“ ortete, haben Rosario Esposito (I960)5 und Ivan Vitézié (1962 und 1985)6 die Ursache zu Recht in der Gegnerschaft Österreich-Ungarns in dieser Frage gesehen, wo die ungarische Regierung, der Kaiser, das Ministe­rium des Äußern und die Botschaft beim Vatikan heftig opponierten, weil in ihren Augen die Konzession negative Auswirkungen auf die Nationalitätenfrage in der Monarchie gehabt hätte. (Die tatsächlich auch innerhalb der Kurie beste­henden Gegenkräfte haben diese beiden Autoren nicht erwähnt). Edith Saurer (1968)7 hat auch noch darauf hingewiesen, daß die Politiker der Donaumonar­chie in der Bewegung für die slawische Liturgie nur nationalistische, panslawi- stische, großserbische, jedenfalls staatsgefährliche Kräfte am Werk sahen, fer­ner, daß auch die Italiener in den betroffenen Gebieten heftige Gegner waren, besonders in den späteren Jahren. Die bisher genannten Autoren/innen haben die Frage der slawischen Liturgie im Rahmen eines größeren Werkes mehr oder weniger kurz behandelt. Friedrich Engel-Janosi hat sie in seinem Buch über die Wandruszka und Peter Urbanitsch. Bd. 4: Die Konfessionen. Wien 1985, S. 332-398, hier S. 381, Anm. 135. 3 Zu Strossmayer siehe die biographische Skizze ebd. S. 350-362 mit weiterfiihrender Literatur. Einen bedeutenden Anteil an der Frage der slawischen Liturgie nahm als Vordenker und Anreger Franjo Racki. Zu beiden siehe auch Gross, Mirjana: Die Anfänge des modernen Kroatien. Gesellschaft, Politik und Kultur in Zivil-Kroatien und Slawonien in den ersten dreißig Jahren nach 1848. Wien- Köln-Weimar 1993 (Anton Gindely-Reihe zur Geschichte der Donaumonarchie und Mitteleuropas 1), passim. 4 Winter, Eduard: Rußland und die slawischen Völker in der Diplomatie des Vatikans 1878-1903. Berlin 1950, S. 36. 5 Esposito SSP., Rosario F.: Leone XIII e l’Oriente cristiano. Studio storico-sistematico. Rom 1961, S. 577 f. 6 Vitézié, Ivan: Die katholischen Slawen zwischen Ost und West im Lichte der Ideen und der Tätig­keit des Bischofs Strossmayer. In: Zollitsch, Anton (Hrsg.): Josef Georg Strossmayer. Beiträge zur konfessionellen Situation Österreich-Ungams im ausgehenden 19. Jahrhundert und zur Unionsbewe­gung der Slawen bis in die Gegenwart. Salzburg 1962 (Donauschwäbische Beiträge 47), S. 26-36, hier S. 33-36; derselbe: Die römisch-katholische Kirche bei den Kroaten (wie Anm. 2), S. 380- 383. 7 Saurer, Edith: Die politischen Aspekte der österreichischen Bischofsemennungen 1867-1903. Wien-München 1968, S. 68 f. 166

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