Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
KOWALSKÁ, Eva: Dokumente aus dem Nachlaß von Johann Ignaz von Felbiger
Dokumente aus dem Nachlaß von Johann Ignaz von Felbiger Unterrichts auch im Rahmen Ungarns voran: die Prinzipien der sogenannten sokratischen Methode wurden Bestandteil öffentlicher Diskussionen und Vorträge über die neuesten pädagogischen Arbeiten von Resewitz, Villaume und anderer führender Pädagogenls. Daß dabei Felbigers Beitrag in Vergessenheit geriet, der die Massenverbreitung der Bildungsgrundlagen erst ermöglicht hatte, war die Quelle seiner Verbitterung in seinen letzten Lebensjahren. Das sagen klar und deutlich die Worte in der umfangreichen „Bittschrift“, mit der sich Felbiger an Joseph II. wandte. Felbiger war sich der Einschränkungen bewußt, die aus seinen pädagogischen Grandsätzen resultierten, er lehnte auch den Fortschritt in der Entwicklung der Theorie der Pädagogik nicht ab18 19, doch hat er sich offenbar nicht damit abfinden können, daß sein pädagogisches Werk gerade von ungarischen Protestanten angezweifelt wurde - noch dazu unter der stillen Zustimmung der höchsten Kreise, die ihn vorher geschützt hatten. Es ist nicht bekannt, wie der Adressat auf Felbigers Worte reagierte, aber wenigstens wurden die Lehrbücher, das Gliederungssystem der Elementarschulen und die methodischen Handbücher für Lehrer verwendet bzw. behielten ihre Gültigkeit bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts20. Trotz dieses, für ihn persönlich erfolglosen Endes der Reformtätigkeit verschwand Felbiger nicht ganz aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit. Als Privatperson widmete er sich seiner langjährigen Vorliebe - dem Experimentieren und Publizieren in der Meteorologie - und als Vertreter des Domkapitels zu Preß- burg engagierte er sich für den Schutz der Kapitel-Rechte, die Mitte der 1780er Jahre durch die geplante Reform bedroht waren21. Er trug (mit einem nicht genauer spezifizierten Betrag) zum Umbau der Burg von Preßburg für die Bedürfnisse des Generalseminars bei22. Er entfaltete auch Wohltätigkeitsaktivitäten: er sorgte für die Erziehung dreier mittelloser Halbwaisen, der Geschwister Kofler. Zu ihren Gunsten legte er einen Fonds von 2000 Goldstücken an, den er aufteilte und bei den Grafen Anton Apponyi und Georg Csáky hinterlegte23. Seine Aktivität war aber bereits durch Krankheit geschwächt, sodaß er seine letzten Kräfte der Ordnung seines Vermögens und der Erstellung des Testaments widmete. Er wußte, daß die Verfügung hinichtlich des Verfahrens mit dem Vermögen von 18 Die Volksschulinspektoren hatten direkt die Pflicht, die neueste pädagogische Literatur zu propagieren. In Preßburg geschah das u. a. auch in Form von öffentlichen Vorträgen für Lehrer, Studenten der Lehrerausbildung - Präparandien, und die breitere Öffentlicheit. Preßburger Zeitung, 14. September 1788, bzw. MOL Budapest, C 69, 1788, Distr. Pos., fons 1, pos. 7, fol. 4. 19 Felbiger organisierte sogar in Preßburg eine Sammlung zugunsten des Basedow’schen Philantro- pinum. [Anonym:] Freymuthige Bemerkungen eines Ungarn über sein Vaterland. Teutschland 1799, S. 332 f. 20 1811 und 1820 gaben Michael Steigei und Juraj Pales kurze slowakische Übersetzungen des Felbi- gerschen Methodenbuchs heraus. 21 K o w a 1 s k á, Felbiger, S. 91. 22 Státny Oblastny Archiv [in Hinkunft: SOBA] Bratislava, Kongregationsprotokolle, 1790, Nr. 188, fol. 396. 23 SOBA Bratislava, BI. - AC, 1788, fase. 42, Nr. 24. 149