Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag
ARTL, Gerhard: Oberfeldrichter Everts und die Serie von Selbstverstümmelungen im Sommer 1944 in Wien
Gerhard Arti nicht eingetroffen waren, läßt sich allerdings mangels Unterlagen nicht in ehr feststellen. Am 11. Dezember 1944 flogen gegen Mittag 435 viermotorige Bomber der US-Luftwaffe48) einen BrandbombenangrifT gegen Wien.49) Unteroffizier Franz Z., der seit 4. Dezember als Untersuchungshäftling bei Außenarbeiten eingesetzt wurde, zeichnete sich dabei noch während des Alarms derart aus, daß ihm der Kommandeur des Wehrmachtuntersuchungsgefängnisses nicht nur ein hervorragendes Führungszeugnis ausstellte, sondern auch ausdrücklich darum bat, dies unbedingt bei der Urteilsbemessung zu berücksichtigen.50) Das Schreiben wurde auf dem Gnadenweg HIMMLER vorgelegt, der das Todesurteil aufhob.51) Alle übrigen Todesurteile wurden vom Oberbefehlshaber des Ersatzheeres ausnahmslos bestätigt. Am 5. Februar erging von Berlin aus der fernschriftliche Befehl zur sofortigen Vollstreckung durch Erschießen.52) Die zu einer Haftstrafe verurteilten Soldaten waren in den meisten Fällen in eine Zuchthauskompanie einer Feldstrafgefangenenabteilung zu überweisen. Sechs Urteile auf Zuchthaus hob HIMMLER auf. Er plädierte auf Todesstrafe.53) Die Zivilisten kamen mit einer Ausnahme in den gewöhnlichen Strafvollzug. Der Arzt Dr. Friedrich B. wegen Weitergabe von Äther an einen Selbstverstümmler zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, war auf besondere Weisung des Reichsführers SS „der Geheimen Staatspolizei zur Vollstreckung im Konzentrationslager unter besonders schweren Bedingungen“ zu übergeben.54) B. war nicht nur der einzige Akademiker unter den Verurteilten, welche durchwegs aus einfachen Verhältnissen stammten. Er war auch abstammungsmäßig jüdischer Mischling ersten Grades, womit diese Überweisung einem weiteren Todesurteil gleichgekommen sein dürfte. Franz SCH., EVERTS-V-Mann im Reserve-Lazarett XIa, war inzwischen längst zu seinem Truppenkörper, der Sturmgeschütz-Abteilung 300, zu48) Leopold Banny, Dröhnender Himmel, brennendes Land. Der Einsatz der Luftwaffenhelfer in Österreich 1943 - 1945 (Wien 1988) S. 381. 49) AdR, DWM, Luftangriffe, NSDAP Gau Wien, Fasz. 3. Nach der Abschlußmeldung der Gauleitung wurden bei diesem Angriff 424 Sprengbomben und 39.532 Brandbomben abgeworfen. Die Zahl der Toten und Vermißten wurde mit 205 angegeben. 50) Ebd., Ger.A., Ktn. 91/1, Fol. 245. 51) Ebd., fol. 269. 52) Ebd., Ktn. 135/5, fol. 308. 53) Den vorliegenden Unterlagen sind keine weiteren Hinweise zu entnehmen. Die weitere Entwicklung der militärischen Lage dürfte diese Fälle wohl überholt haben. 54) Ebd., Ktn. 443, fol. 740. Das weitere Schicksal des Dr. B war weder über das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes noch über das Innenministerium zu klären. 204