Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag

ARTL, Gerhard: Oberfeldrichter Everts und die Serie von Selbstverstümmelungen im Sommer 1944 in Wien

Gerhard Arti Knie, und zwar seitlich, sodaß das Bein des P. durchgedrückt wurde.“51) Im Laufe der Monate hatten sich sogar in aller Ruhe regional unter­schiedliche Selbstverstümmelungsbräuche entwickeln können. „Als ich mit G. jetzt in der gleichen Zelle war, erzählte er mir, außer der oben erwähnten Art könne man sich noch durch Einsetzen eines Koch­löffelstieles in die Höhlung neben der Kniescheibe und durch Drauf­schlagen auf den Kochlöffelstiel einen Meniskusriß zufügen. Dabei er­wähnte er noch, die Simmeringer seien die Springer, und die Methode mit dem Kochlöffel sei Erdbergerisch.“31 32 33) Die gleiche gewünschte Wir­kung war auch zu erzielen, wenn man das Knie mit beiden Händen fest durchdrückte oder mit einem Hackenstiel seitlich gegen das Gelenk schlug. Durchgeführt wurden diese Selbstverstümmelungen zumeist in Privatwohnungen. Dem Einfallsreichtum waren aber hier fast keine Grenzen gesetzt. Die Wahl des Ortes reichte von der Parkbank über den Schrebergarten bis zur Waschküche. Selbst das Klosett des Reserve-La­zaretts XIa (!) blieb davon nicht ausgenommen. Dem behandelnden Lazarettarzt wurden als Unfallursache die ver­schiedenartigsten Stürze angegeben. In vielen Fällen achtete man zur Sicherheit darauf, daß unbeteiligte Zeugen den „Unfall“ beobachten konnten. Der Zeitpunkt dieser „Unfälle“ lag auffälligerweise fast immer knapp vor Urlaubsende. Die Drehscheibe für die Weitergabe der Selbstverstümmelungsmethoden bildete eine Alt-Wiener Institution: Das Kaffeehaus. Von zentraler Bedeutung waren dabei das Cafe Weber und das Cafe Bürgerhof.35) „Dort“, stellte der Verhandlungsleiter wiederholt fest, „pfiffen es schon die Spatzen vom Dache, daß man sich in Wien ohne besondere Gefahr der Entdeckung durch künstliche Armbrüche und Kniegelenksverletzungen den Urlaub verlängern konnte.“34) Die Aussagen sprachen für sich. „Vor Urlaubsende sah er im Cafe Weber mehrere Soldaten, die den Arm in Gips trugen und offen erzählten, daß sie sich die Verletzungen selbst beigebracht hätten.“55) „Ich wäre von selbst nie auf den Gedanken gekommen, den Arm zu brechen, wenn ich dies nicht im Kaffeehaus gesehen hätte.“38) Aber auch das Reserve-La­zarett selbst diente nicht nur als Tatort. „Aus der Art seiner Erzählungen und aus der Tatsache, daß nach den Redereien im Lazarett fast alle vor­31) Ebd., fol. 18. 32) Ebd., fol. 17. 33) Beide Kaffeehäuser befanden sich in unmittelbarer Nähe des Reserve-Lazaretts XIa. 34) AdR, DWM, Ger.A., Ktn. 443, fol. 705. 55) Ebd., fol. 749. 36) Ebd., fol. 669. 200

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