Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag

ENDERLE-BURCEL, Gertrude: Militarisierung der Gesellschaft – Aspekte österreichischer Wehrpolitik 1918–1938

Gertrude Enderle-Burcel Turnen und Sport betreibenden Verbände und Vereine „sowohl in staatspolitischer, als auch im körpererziehungsmäßiger Hinsicht einen richtungsgebenden Einfluß seitens des Staates zu nehmen“, bzw. „in den österreichischen Turn- und Sportverbänden im autoritären Sinn durch- zugreifen“.40) Der Entwurf eines Bundesgesetzes betreffend die Ertüchtigung der Ju­gend zielte in die gleiche Richtung41), doch wurden hier aus Heim Wehr­kreisen42) und von katholischer Seite43) Bedenken vorgebracht, sodaß es erst 1936 zu einem Gesetz über die vaterländische Erziehung der Ju­gend außerhalb der Schule gekommen ist, in dem der katholische Kir­che ein Sonderstalus eingeräumt wurde.44 45) Unabhängig von diesem Ge­setz und ungeachtet der katholischen Bedenken kam es im März 1935 zu umfangreichen Vorbereitungen für eine vormilitärische Jugenderzie­hung in den Schulen. Den einzelnen Landesschulbehörden wurden Of­fiziere als Mitarbeiter für die vormilitärische Jugenderziehung zuge­teilt.43) Parallel dazu wurden im März 1935 von Vertretern des Bundes­kanzleramtes, des Bundesministeriums für Landesverteidigung und dem Staatssekretär für Unterricht Richtlinien für das Vorgehen bei der vormilitärischen Jugenderziehung festgelegt. Ihre Einführung in den Schulen sollte nicht zu sehr aufTallen und daher im Unterricht nicht als gesonderter Gegenstand eingeführt werden.46) Im Oktober 1935 wurde „Wehrwesen“ dann doch als eigenes Unterrichtsfach installiert.47) Außer­dem wurde militärisches Gedankengut in allen Schultypen zusätzlich in die verschiedensten Unterrichtsgegenstände eingebaut.48) Dazu kamen Übungsmärsche, Wanderungen, Förderung des Schwimmunterrichts, eine Segelflugausbildung für Maturanten, die Teilnahme an Heldenge­denkfeiern, Besuch von Heldendenkmälern und militärischen Museen sowie eine Schießausbildung.49) Der ermordete Bundeskanzler Engel­40) Ebenda, S 23. 41) MRP 973/5 vom 30. Oktober 1934. 42) Ebenda, S 26. 45) Erika Weinzierl, Kirche und Politik, in: Österreich 1918-1938, Band 1, S 486f. 44) BGBl. 293/1936. 45) AdR, Bundesministerium für Landesverteidigung, Karton Vormiltärische Jugend­erziehung, ZI. 881 Präsidium/1935 Vormilitärische Jugenderziehung, Mitarbeit von Offizieren der bewaffneten Macht bei den Landesschulbehörden, 29. September 1935. 46) Ebenda, ZI. 284 Präsidium/1935, Amtsvortrag. 47) Verordnungsblatt des Bundesministeriums für Unterricht 69/1935. 48) Marschnig, Die Militarisierung der Gesellschaft, S 79. 49) Detailiertes Material zu den Aktivitäten in den Schulen vgl. AdR, Bundes­ministerium für Landesverteidigung, Karton Vormilitärische Jugenderziehung; vgl. dazu auch Herbert Dachs, Schule und Politik, Die politische Erziehung an den öster­reichischen Schulen 1918 bis 1938, Wien/München 1982, S 223-359. 184

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